Mendelssohn – The Piano Concertos

Neue Zürcher Zeitung vom 24.1.2014: “Mendelssohn mit Oliver Schnyder

tsr.

Die Klavierkonzerte Felix Mendelssohns finden in der Öffentlichkeit nicht dieselbe Beachtung wie sein berühmtes Violinkonzert. Kann man dies bezüglich des frühen Konzerts für Klavier und Streicher durchaus verstehen, so stellen die beiden Konzerte Opus 25 und Opus 40 kongeniale Schwesterwerke dar. Wie im Violinkonzert verbindet Mendelssohn auch in diesen beiden Klavierkonzerten die Sätze mit raffinierten Attacca-Übergängen. Der Schweizer Pianist Oliver Schnyder und das Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Douglas Boyd haben die drei Klavierkonzerte beim Label RCA Red Seal eingespielt. Mit der Kombination von virtuoser Kraft und Sensibilität erscheint Schnyder für diese Kompositionen als der ideale Interpret. Im g-Moll-Klavierkonzert wartet der Solist mit Brillanz, Spielfreude und Poesie auf und betont dabei die extravertierten Seiten dieses strahlenden Werks. Das d-Moll-Klavierkonzert, das zweite, fordert dagegen mehr den Teamplayer heraus. Der Klaviersatz ist hier stark mit dem motivisch-thematischen Geschehen im Orchester verwoben, und Schnyder trifft da instinktsicher die Balance zwischen Dominieren und Begleiten. Im Mittelsatz findet er zu einer betörenden Zärtlichkeit des Ausdrucks, um dann dem Schlusssatz einen apollinischen Glanz zu verleihen. Dass Schnyder und das Musikkollegium Winterthur auch das a-Moll-Konzert des 12-jährigen Mendelssohn eingespielt haben, ist verdienstvoll. Es zeigt immerhin, welchen Weg der Komponist bis zu seinen beiden Meisterwerken zurückgelegt hat.

Felix Mendelssohn: Klavierkonzert Nr. 1 in g-Moll, Klavierkonzert Nr. 2 in d-Moll, Konzert für Klavier und Streicher in a-Moll. Oliver Schnyder (Klavier), Musikkollegium Winterthur, Douglas Boyd (Leitung). RCA Red Seal 88883 70735 2 (1 CD).”


“Es ist schon staunenswert, über was für innovative spannende Orchester die kleine Schweiz verfügt. Gerade wenn es um zeitgemässe, historisch informierte Befragungen geht, werden in der Alpenrepublik regelmässig Massstäbe gesetzt. Auch das Musikkollegium Winterthur zählt zu diesen Ensembles. Jedenfalls ist es eine Freude zu hören, wie sich Oliver Schnyder und das Orchester unter Douglas Boyd in ihrer Einspielung der Klavierkonzerte von Mendelssohn die Bälle zuspielen – vollkommen gleichberechtigt, auf Augenhöhe. Den höchst agilen, auch zupackenden, dabei aber  durchaus beschwingten, von bedeutungsschwangerer Romantisierung gänzlich befreiten Mendelssohn, den der Schweizer Pianist stilsicher entwirft, trägt das Ensemble nicht nur einfach mit; es setzt ihn ebenbürtig um. Dabei ist ebenso nicht zu überhören, wie sehr Schnyders historisch informierte Sicht davon profitiert, dass er sich diskografisch bereits als profunder, aufregender Haydn-Kenner profiliert hat. Gemeinsam mit der Academy of St. Martin in the Fields liegen von Schnyder Klavierkonzerte von Haydn auf Tonträger vor. Mit diesen Kenntnissen schärft er auf der vorliegenden CD nun zuglich das kompositorische Profil Mendelssohns – sinnstiftend und überaus konzis. Das Ergebnis bereitet durchwegs grösste Hörfreuden, von der ersten bis zur letzten Note. Auf diesen Mendelssohn hat man gewartet.” Marco Frei, Piano News, Deutschland, Januar 2014


RONDO Nr. 817 – 4. – 10.1.2014

… Gemeinsam mit dem Musikkollegium Winterthur unter der Leitung seines Chefdirigenten Douglas Boyd nimmt Schnyder daher auch dieses Jugendwerk mit aller Ernsthaftigkeit, die dieser frühreifen Kunst gebührt. Ähnlich geistvoll, äußerlich wie innerlich beschwingt geraten, sind auch die zwei offiziellen Klavierkonzerte des Anfang bzw. Mitte Zwanzigers Mendelssohn. Schnyder versteht sich aber nicht nur darauf, die Melodien in weiten Bögen auszusingen, sondern bringt auch die scheinbar vordergründigen, virtuosen Passagen zum „Sprechen“.


“Das geht in Sechzehnteln munter rauf und runter bei Mendelssohn. Virtuos wird da unterhalten, und das durchaus bestens. Mendelssohn hat die beiden mit Opuszahlen (op. 25 und 40) versehenen Klavierkonzerte in den 1830er-Jahren zu Papier gebracht, was sie heute in der Deutschen Musik zu einer Art Interludium zwischen den Giganten Beethovens und der grossen romantischen Schlachtrösser von Schumann und Brahms. Zu ihrer eigenen Zeit werden sie allerdings von den etwa gleichzeitig entstandenen Glasperlenspiele Chopins überstrahlt.

Auf der CD des Musikkollegiums Winterthur (unter Stabführung von Douglas Boyd) und des Pianisten Oliver Schnyder finden sich drei Mendelssohn-Konzerte. Seit einigen Jahren wird tatsächlich auch ein vom Musikwissenschaftler Larry Todd rekonstruiertes drittes Klavierkonzert gespielt. Das dritte Werk auf der CD ist es jedoch nicht. Vielmehr werden die beiden Opus-Konzerte hier um das Jugend- (respektive Kinder-)werk MWV O 2 für Klavier und Streichorchester des gerademal 13-jährigen Komponisten ergänzt. Op. 25 und 40 sind als Konzertmitschnitte im Stadthaus Winterthur entstanden, das Frühwerk ist zusätzlich aufgenommen worden.

Man hat von Mendelssohn das Bild des romantischen Jünglings (mit lockigem Haar), der etwas harmlos anmutende Lieder ohne Worte ohne Worte schreibt und Sinfonien als Genrebildchen malt. Damit räumen die Interpreten auf dieser CD auf. Da wird kantig und dramatisch musiziert, Skalenzierwerk und orchestraler Hintergrund erscheinen in hartem Licht, klar konturiert, auch widerborstig. Dem Jugendwerk verleiht ein harter, archischer Streicherton ohne süssliche Vibrati beinahe etwas Rebellisches. Einzig dynamisch wird da einiges einglättet, die recht differenzierte Abstufungsspannweite von Pianissimi bis Fortissimi, die Mendelssohn eigentlich vorsieht, pendelt hier bloss um einen Mittelwert herum.” Codex Flores (wb)


Pulsierende Interaktion

Mendelssohns Klaviermusik wird noch immer kaum aufgeführt, und auch seine Klavierkonzerte sind Stiefkinder des Konzertsaals. So betritt der Schweizer Pianist Oliver Schnyder auf seinem neuen Album mit allen drei Klavierkonzerten Mendelssohns wahrlich keine ausgetretenen Pfade. Es gelingt ihm auch sehr überzeugend, im perfekten Zusammenspiel mit dem beherzt aufspielenden Musikkollegium Winterthur unter Douglas Boyd die innere Erregung und das neue leidenschaftliche Pathos der beiden reifen Konzerte zu entfachen, und so das dramatische Potenzial der Ecksätze und die kantable Schönheit der Mittelsätze plastisch auszuformen. Die exzellente Klangregie der Mehrkanalaufnahme weist ihn mit seinem grossen Steinway als Primus inter pares aus, sodass der Eindruck eines lebendigen kammermusikalischen Dialogs überwiegt gegenüber der üblichen Trennung von Solist und rauschender Orchesterkulisse. Dieser vor allem auf Prägnanz, auf „historisch orientierte“ Konturen ausgerichtete Enthusiasmus lässt vielleicht ein wenig die Farbenspiele, den romantischen Zauber von Mendelssohns Klangregie in den Hintergrund treten, gewährt dafür scharf fokussierte Einblicke in die inneren Strukturen und in die pulsierende Polyfonie von Mendelssohns Orchestersatz: ein nachdrückliches, energisches Plädoyer.

Attila Csampai in Musik&Theater Dezember 2013


 Der jüdische Protestant Felix Mendelssohn leidet bis heute unter dem Verdikt der Nazi-Barbaren. Seine Klaviermusik wird noch immer kaum aufgeführt, ebenso seine Klavierkonzerte. So betritt der Schweizer Pianist Oliver Schnyder auf seinem neuen Album mit allen drei Klavierkonzerten Mendelssohns wahrlich keine ausgetretenen Pfade. Es gelingt ihm auch sehr überzeugend, im perfekten Zusammenspiel mit dem beherzt aufspielenden Musikkollegium Winterthur unter Douglas Boyd die innere Erregung und das neue leidenschaftliche Pathos der beiden reifen Konzerte in g-Moll und d-Moll energisch zu entfachen. Die exzellente Klangregie der Mehrkanalaufnahme weist ihn mit seinem großen Steinway als primus inter pares aus, so dass der Eindruck eines lebendigen kammermusikalischen Dialogs überwiegt gegenüber der üblichen Trennung von Solist und rauschender Orchesterkulisse. Man mag etwas den romantischen Zauber Mendelssohns vermissen, dafür erhält man scharf fokussierte Einblicke in die pulsierende Polyphonie seines Orchestersatzes. Attila Csampai, Crescendo, 17.10.2013


Oliver Schnyder spielt Mendelssohn

CD der Woche, NDR-Kultur

Vorgestellt von Raliza Nikolov, September 2013

Der 39-jährige “Klavierpoet” Oliver Schnyder wurde 1973 in (Brugg) Schweiz geboren. 1629 wurde das Musikkollegium Winterthur gegründet – damit gehört dieses Orchester zu den ältesten in Europa. Seit 2009 ist Douglas Boyd der Künstlerische Leiter, in kurzer Zeit sind mehrere preisgekrönte Platten veröffentlicht worden – zum Beispiel eine CD zusammen mit dem Klavier-Duo Tal/Groethuysen und Werken von Ralph Vaughan Williams, die im Oktober einen Echo Klassik erhält.

Das Musikkollegium Winterthur arbeitet gern mit renommierten Solisten zusammen, auf der aktuellen CD spielt Oliver Schnyder die Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Furioser Auftakt

Ohne Umschweife geht Mendelssohn hinein in den ersten Satz – und Oliver Schnyder und das Musikkollegium Winterthur mit Douglas Boyd setzen den furiosen Einstieg unmittelbar um. Erst das g-Moll-Konzert akzeptierte der 22-jährige Mendelssohn als sein erstes Klavierkonzert, das frühere in a-Moll ließ der immer selbstkritische Geist nicht gelten; es trägt keine Opuszahl und steht auf dieser CD am Schluss, quasi als Bonus.

Schnyder hat sich dafür entschieden, uns zuerst in die flirrende Welt des reifen Komponisten hineinzuziehen, und er hat Recht. “Molto allegro con fuoco” schreibt Mendelssohn vor, “sehr schnell, mit Feuer”; diese Anweisung wird hier ernst genommen.

Anspruchsvolle Literatur

Riccardo Chailly hat einmal sinngemäß gesagt, die anspruchsvollste Literatur für Orchester habe Mendelssohn komponiert – wenn man sich auf die geforderten jagenden Tempi einlässt, umso mehr. Und umso eindrucksvoller, wenn die brillanten Passagen nicht effekthascherisch heruntergeschnurrt werden, sondern bei aller Atemlosigkeit doch Zeit fürs Luftholen bleibt, Zeit für die kleinen Tempoverzögerungen, die jede Interpretation erst lebendig machen.

Für die langsamen Sätze gilt das genauso. Es ist nicht minder anspruchsvoll, Innigkeit, Poesie, lyrische Kantabilität zu vermitteln, ohne abzugleiten Richtung Kitsch, gerade im langsamen Satz des zweiten, des d-Moll-Konzerts.

Gelungene Interpretation

Ist es nur eine Äußerlichkeit, dass im Booklet lediglich der junge Mendelssohn uns direkt anschaut – nicht der Pianist Schnyder, nicht der Dirigent Boyd? Die Interpreten sehen wir in Aktion oder in die Partitur vertieft, als wollten sie uns sagen: Nur darum geht es, nicht um uns, in diesen Noten steckt alles drin, und es lohnt sich, immer wieder neue Interpretationen zu versuchen.

Diese Interpretation ist gelungen. Pianist und Orchester agieren unter der feinfühligen Leitung von Boyd, als wäre es eine große Kammermusik. Der glasklare Klavierton Schnyders steht in schönem Kontrast zum haarigen Klang des Musikkollegiums Winterthur. Ein sehr empfehlenswertes Album.

Hear also the broadcast in WDR 3 Cologne

CD-Cover: Oliver Schnyder: Mendelssohn - Die Klavierkonzerte © RCA Red Seal Mendelssohn – Die Klavierkonzerte

Oliver Schnyder


 Der Unterschätzte

Felix Mendelssohn-Bartholdys Klavierkonzerte werden wie vieles andere aus seiner Feder immer noch unterschätzt. Zeit also für eine Ehrenrettung. Oliver Schnyder wagt sie zusammen mit dem Orchester des Musikkollegiums Winterthur unter der Leitung von Douglas Boyd. Mit sehr überzeugendem Resultat. Schnyder und Boyd pendeln geschickt zwischen überschäumender Spielfreude in den Ecksätzen und den lyrischen Mittelsätzen. Besonders schön gelingt das beim Klavierkonzert in g-Moll opus 25 mit seinem wundervoll sich steigernden Wechselgesang zwischen warmen Celli und schlichtem Klavierpart. Unglaublich, was da der erst 22jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy ersonnen hat. Rolf App, St. Galler Tagblatt, 20.9.2013

Mendelssohn: Die Klavierkonzerte. Oliver Schnyder. Orchester des Musikkollegiums Winterthur, Douglas Boyd. Sony 88883707352

Official Site of pianist Oliver Schnyder