Zur sommerlichen Frischzellenkur nach Zofingen

Der Aargauer Pianist ist der prägende Kopf des Hirzenberg-Festivals Zofingen, das Komponist Dieter Ammann leitet. Ab 15. August gibt es openair drei tolle Musiknächte.

von Christian Berzins (Die Nordwestschweiz, Aargauer Zeitung 5.8.2013)

Oliver Schnyder, Ihre Aargauer Präsenz im Jahr 2013 ist noch höher als sonst. Ein Problem?
Nicht wahr, es wimmelt geradezu von mir . . . Ja, es ist ein eigentliches Luxusproblem, weil ich leider viele interessante Anfragen ablehnen muss – nicht nur im Aargau, sondern wie neulich auch in Zürich oder München. Leider komme ich zyklisch immer wieder in solche Phasen, in denen ich Gefahr laufe, mich selbst zu konkurrenzieren, was die Veranstalter natürlich nicht gerne sehen. Im Falle von Hirzenberg und den Musikalischen Begegnungen Lenzburg habe ich die Intendanten ausdrücklich auf die erhöhte Präsenz hingewiesen, doch sowohl Dieter Ammann als auch Daniel Schärer war sie herzlich egal.

Für das Programm des Hirzenberg- Festivals in Zofingen hatten Sie offenbar freie Hand. Wie lautete der Auftrag des Festivalleiters Dieter Ammann an Sie?
Er gab mir eine Carte blanche und nannte das verfügbare Budget – traumhaft!

Engagiert jemand aber Sie und die von Ihnen ausgewählten Künstler – berühmte Musiker wie Daniel Behle, Vilde Frang oder Nils Mönkemeyer! – alleine, kostet ihn das eine grössere Summe, als es das Zofinger Budget möglich macht. Tricksen Sie?
Die Lust aufs gemeinsame Musizieren in unkonventionellem Rahmen wie auch die Freundschaft unter den genannten Musikern sind auch eine Währung. Zudem konnte ich Dieter Ammanns Freipass quasi ans junge Oliver Schnyder Trio weitergeben, welches zum ersten Mal im Aargau auftreten wird. Das ist ebenfalls viel Wert. Plus: Wir wollen, dass Dieter für uns ein Tripelkonzert komponiert. Er soll also gerne denken, er stehe in unserer Schuld!

Man sieht das immer wieder: Hat ein Künstler mal ein gewisses Renommee erreicht, geht er noch so gerne an Festivals von Freunden – nach Lockenhaus gar gratis. Braucht ein Künstler so etwas geradezu, nachdem er das ganze Jahr ein Rädchen der Klassikmaschinerie war?
Natürlich stellt man nicht reflexartig auf Altruismus. Aber die sommerlichen Kammermusikfestivals bieten fast die einzige Möglichkeit, wertvolle künstlerische Kontakte zu knüpfen, Repertoire auszuprobieren, sich von Kollegen inspirieren zu lassen, Freundschaften zu pflegen oder auch endlich mal mit Kollegen zusammenzuspielen, mit denen man schon lange die Absicht teilte. Diese Art Frischzellenkur in Kombination mit Feriengefühl und einer inspirierenden Umgebung ist wichtig für uns. Die Veranstalter wissen das und sind daher in einer denkbar besseren Verhandlungsposition als wir.

Sie treten in Zofingen gleich an drei Abenden mit sehr anspruchsvollen Programmen auf und einem überaus anstrengenden Finale mit zwei Klavierquintetten – Lust, an der Überforderung?
Jagen Sie mir doch keine Angst ein! Nein, natürlich sind solche Programme in dieser Dichte eine grosse Herausforderung. Verschreien will ichs nicht, aber ich fühle mich momentan sehr fit und darf hoffen, dass mir die Zunge nicht auf die Tasten schlappt.

Am zweiten Abend spielen Sie mit dem deutschen Tenor Daniel Behle «Winterreise», mit dem Sie eine CD eingespielt haben. Wie würden Sie diesen Tenor charakterisieren?
Wir spielen ja als Uraufführung Daniels fabelhafte Bearbeitung der «Winterreise» für Tenor und Klaviertrio. Das sagt schon viel über ihn als Musiker: Wo andere Sänger mit der Schonung ihrer Stimme beschäftigt sind, durchdringt er eine komplexe Partitur, macht Unerhörtes hörbar. Es ist diese Mischung aus Neugier, Forschergeist, Wissen und Handwerk, die unsere Zusammenarbeit für mich so wertvoll macht. In Deutschland wird er bereits zu den grossen Liedsängern gezählt und überall mit Wunderlich verglichen. Zu Recht, wie ich finde. In Zofingen gibt er übrigens als Liedsänger sein Schweizer Debüt.

Sie haben mit Daniel Behle Lieder von Richard Strauss eingespielt. Ist Schuberts «Winterreise» in der Pipeline?
Nicht nur Richard Strauss, sondern auch Brahms, Schumann, Mendelssohn, Britten, Schubert, Trojahn, Grieg und Beethoven! Ja, Schuberts «Winterreise» haben wir im Juni für Sony aufgenommen, sowohl die erwähnte Behle-Fassung mit Klaviertrio als auch die Originalversion.

Mit Benjamin Nyffenegger und Andreas Janke spielen Sie bereits am ersten Abend. Im Frühjahr präsentierte dieses Trio eine tolle Schubert-CD bei RCA/Sony. Erneut die Frage: Ist dieses Trio ein ernst zu nehmendes Standbein – oder Nebenbeschäftigung?
Es ist mir damit todernst! Mit den beiden habe ich die idealen Partner gefunden. Das Glück hat hier sprichwörtlich an die Tür geklopft. Bei uns stimmen die musikalische und die menschliche Chemie hundertprozentig, wir verstehen uns blind. Kommen Sie mal mit uns ins Fussballstadion, dann wissen Sie, was ich meine. Benjamin ist seit letztem Jahr wieder im Aargau wohnhaft, Andreas lässt sich demnächst hier nieder. Wir teilen uns künftig also auch die Scholle.

Ich vermute, dass der Markt für ein gutes Klaviertrio offen wäre.
Schön, dass Sie das sagen! Davon sind wir ebenfalls überzeugt, was auch das unerwartet grosse Interesse an unserer Schubert-CD beweist: Bereits nach zwei Monaten musste Sony eine zweite Auflage pressen, die Wiener Fachzeitschrift «Die Bühne» sprach sogar von einer «Referenzeinspielung». Das verpflichtet und wir setzen alles daran, den hohen Erwartungen weiterhin gerecht zu werden.

Haben Sie durch die Programmierung dieses kleinen Festivals Lust auf mehr bekommen, auf ein eigenes Festival – vielleicht in Baden?
Erstaunliche Antennen haben Sie… Ich setze aber bei dieser Frage vorerst den Joker.

Hirzenberg-Festival, Zofingen: 15. bis 17. August. Details: www.hirzenberg.ch

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