Reviews 2011

“In der Gegenwart angekommen

Eberle und Schnyder in der Tonhalle Zürich

Michelle Ziegler. Es geschah im Geigensolo zu Beginn des Adagios aus Béla Bartóks erster Violinsonate, dass Veronika Eberle ihren gerundeten, klangvollen Geigenton radikal ausdünnte. Nur zur gelegentlichen Schärfung setzte die zweiundzwanzigjährige deutsche Geigerin ein gepflegtes Vibrato ein. Sie gab sich, nüchtern und ganz bei sich, einer abgründigen Kantabilität hin und liess die Zeit nach ihrem Empfinden frei fliessen. Umsichtig gesellte sich der Schweizer Pianist Oliver Schnyder auf dem so vorgezeichneten Weg zu ihr und wählte die Gewichte der klanglichen Abstimmung bewusst. Bis ans Ende des Satzes hielt die Spannung so an, und im abschliessenden Allegro löste sie sich auf natürliche Weise im verspielt eingebrachten volkstümlichen Idiom. Mit aussergewöhnlicher Reife strichen die jungen Interpreten, die beide die grossen Konzertsäle der Welt im Sturm erobern, die thematischen Eigenheiten und das Expressionistische der Sonate hervor; die handwerkliche Brillanz diente zur Ausgestaltung der eigenen Musiksprache und fügte sich geschmeidig in das Ganze.

Für ihren Auftritt im Rahmen der Neuen Konzertreihe Zürich hatten es sich die beiden Musiker nicht einfach gemacht: Sowohl in Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47, der «Kreutzer»-Sonate, als auch in Claude Debussys Violinsonate in g-Moll galt es, den visionären Charakter einer komplexen Komposition herauszuarbeiten. Eberle und Schnyder taten dies in der «Kreutzer»-Sonate ohne grosse dramatische Gesten, vielmehr mit einem ausgewogenen, das Detail berücksichtigenden Ansatz und einer musikalischen Intelligenz, hinter der man die Erfahrung jahrelanger Konzerttätigkeit vermuten würde.

Auch Debussys letztes vollendetes Werk erschien gerundet, Geige und Klavier bildeten eine aufeinander bezogene Einheit. Da waren zwei Interpreten am Werk, welche die Kammermusik der Vergangenheit in raffinierter, ausgelüfteter Robe in der Gegenwart ankommen lassen und – so bleibt zu hoffen – zusammen in die Zukunft tragen werden.” (Neue Zürcher Zeitung, 5.11.2011)

 

“L’expression de la musique contemporaine

Rien de plus intimidant qu’une création pointant le bout de son nez surtout lorsqu’elle est prévue en tête de programme. Que cela soit pour le compositeur ou pour les auditeurs… Mais pas de clash à l’horizon. Car il y a musique contemporaine et musique contemporaine. Celle présentée au premier concert de la saison de l’Orchestre symphonique de Bienne, mercredi soir, a été une agréable surprise. D’une extrême douceur, privilégiant une ligne mélodique souple, riche en couleurs, l’oeuvre de Russell Platt ne laisse pas indifférent. Pas question d’atonalité, de musique minimaliste ou de dissonances assourdissantes. Non, la musique contemporaine c’est aussi autre chose. Le langage musical de Russell Platt en a donc surpris plus d’un. L’orchestre, placé sous la vigilance de Howard Griffith, l’a parfaitement compris. La suite du programme fut un régal. En présence du pianiste Oliver Schnyder pour l’exécution du concerto en ut majeur pour piano et orchestre de Mozart, l’enchantement a été total. Un magnifique festival de pureté, alliant prouesses techniques et en même temps simplicité du touché, ce qui rend la musique limpide. C’est ce qu’il faut pour jouer Mozart, Le public ne s’y est pas trompé, puisque le pianiste a été unanimement salué.

Mais la soirée ne s’est pas arrêtée là. La symphonie N°7 de Beethoven est venue clôturer ce fabuleux programme. Sous la baguette experte d’Howard Griffith, l’orchestre symphonique a été poussé dans ses derniers retranchements. Il a réussi, d’une main de maitre, à obtenir de ses musiciens des nuances poussées à l’extrême. Il est parvenu à animer chaque mouvement d’une nouvelle flamme. Par ses gestes, la dynamique de l’oeuvre a pu s’épanouir. Comme dans le second mouvement où le mystère plane grâce à la montée progressive de la puissance sonore. Dans les autres parties, l’orchestre a brillé de mille feux. Ce contraste nécessaire a embelli l’oeuvre dans son intégralité.” (Tamara Zehnder, Journal du Jura, 30.9.2011)

“Schmelz mit dissonanten Zwischentönen

Das Sinfonieorchester Biel eröffnete am Mittwochabend die Reihe der Sinfoniekonzerte mit der Uraufführung von “Eurydice”. Der Komponist Russell Platt ist dafür extra aus New York angereist. Der Schweizer Pianist Oliver Schnyder beeindruckte mit klarer Phrasierung und spielerischer Leichtigkeit.

…Mit Oliver Schnyder, der Schweizer Pianist trat zum ersten Mal mit dem Sinfonieorchester Biel auf, konnte für diesen Ausflug ins klassische Repertoire ein international renommierter Solist gewonnen werden. Schnyder, welcher 2008 bereits eine Aufnahme mit verschiedenen Mozart-Werken vorgelegt hat, beeindruckte im 1785 entstandenen Klavierkonzert Nr. 21 mit klarer Phrasierung und spielerischer Leichtigkeit. Eine Leichtigkeit und Präzision, die das Orchester gelegentlich etwas vermissen liess, obschon es über weite Strecken sehr gut mit dem Pianisten harmonierte und seiner Begleitfunktion mit bemerkenswerter Zurückhaltung nachkam. Nicht ausschliesslich das Verdienst des Solisten ist es denn auch, dass der zweite Satz bar jeglichen Kitsches transparent und entstaubt daherkam. Hätte Schnyder die dynamischen Extreme auch gelegentlich noch etwas stärker ausloten dürfen, so überzeugte er mit seinem gepflegten, technisch brillanten Spiel insgesamt sehr. Das zahlreich erschienene Publikum belohnte seine Interpretation des Mozartschen Klavierkonzertes denn auch mit langanhaltendem Applaus… .” (Edith Keller, Bieler Tagblatt, September 2011)

“Kammermusik auf hohem Niveau

Zwei schwergewichtige Klavierquintette standen auf dem Programm des 5. Abonnementskonzertes des Konzertvereins Chur.

Gemessen an der komprimierten Ausdrucksdichte, welche beiden der am Dienstagabend interpretierten Klavierquintetten innewohnt, entsprach es einer angemessenen Entscheidung, trotz der vergleichsweise kurzen Gesamtspieldauer nur eben diese Werke von Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann auf das Programm zu setzen. Dabei stellte das Amar-Quartett mit Anna Brunner, Igor Keller, Hannes Bärtschi und Péter Somodari sowie dem Pianisten Oliver Schnyder gleich mit den ersten Takten seine vitale Musikalität und seine technische Kompetenz unter Beweis. 1938, mit fast 32 Jahren, schrieb Schostakowitsch sein erstes Streichquartett noch in der Art einer lichten, neoklassizistischen Fingerübung, während das hier erklungene und zwei Jahre später entstandene Klavierquintett in g-Moll op. 57 die staatspreisverdächtige Synthese aus kunstvoller barocker Satztechnik und einem trotz des Mollgeschlechts durchwegs optimistischen, ja sogar beinahe volkstümlichen Ton versucht. Dass es sich bei der musikalischen Umsetzung durch die fünf Musiker im Theater Chur um eine äusserst souveräne Leistung handelte, ja dass die Instrumentalisten geradezu prädestiniert erscheinen, die intellektuelle und emotionale Kunst des Tonsetzers in ein überzeugendes und anspringendes Gleichgewicht zu bringen, davon sprach der bereits vor der Pause auffallend lang anhaltende Applaus.

Für Robert Schumann scheint – das machte die Gegenüberstellung der beiden Werke hörfällig – der latent orchestrale Charakter stark besetzter Klavier-Kammermusik wichtiger gewesen zu sein als ein lichtvoll durchwirktes Klangbild. Immerhin aber gibt es in seinem Gesamtwerk noch komplizierter gearbeitete Stücke – kaum aber eines, in dem trotz der stellenweise orchestralen Wucht gelöster, unbelasteter und schwungvoller musiziert wie in diesem Klavierquintett in Es-Dur op. 44 von 1842. Das Amar-Quartett und sein Pianist fand einen unmittelbar fesselnden, geradezu “eleganten” Zugang zu dieser Musik. Dass sie diesen über den Bühnenrand ins Auditorium weiterzugeben vermochten, davon zeugte ein abermals ausgedehnter Beifall, welcher eine Zugabe mit einem Satz aus Dvoraks Klavierquintett erheischte.” (Christian Albrecht, Bündner Tagblatt)

Official Site of pianist Oliver Schnyder