Die Macht der Musik

LUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik, ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen, ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Aber natürlich drängt sich auch die Frage auf, inwiefern die Psyche oder der Charakter der Komponisten umgekehrt in ihren Werken Spuren hinterlassen haben. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht (published by Lucerne Festival).

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?

Diese ist zugleich mein musikalisches Waterloo (in Form des gleichnamigen ABBA-Songs)

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?

Anfang der Achtziger nahm mich mein Vater zu einem Rezital in die Zürcher Tonhalle mit. Chopins C-Dur-Etüde, mit der Yefim Bronfman loslegte, erreichte mich mit einer derartigen Urgewalt, dass sie mich – für alle hörbar – zu einem selbstvergessenen Jauchzer hinriss.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?

Wenn im musikalischen Ablauf die Trauer leise wird, still, ein „Lächeln unter Tränen“. Wenn Schubert im langsamen Satz der D. 960 ohne Vorwarnung den cis-Moll-Choral nach C-Dur und schliesslich ins himmlische Cis-Dur rückt, dabei die Totenglocke des Pianissimo-Klopfmotivs im Bass in eine Himmelsleiter verwandelt – dann bleiben keine Fragen offen.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?

Ganz spontan: Mendelssohns Streichoktett!

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken? Und wenn ja, warum?

In meinem Repertoire gibt es Werke, die mich an meine Grenzen bringen – intellektuell, physisch und psychisch. Wenn ich die Umsetzung meiner künstlerischen Vorstellung als fast unmenschliche Anforderung empfinde. So hat mich die Erarbeitung solcher Werke oft beinahe traumatisiert. Sie dann schliesslich – zumindest ansatzweise – zu beherrschen, kommt einer seelischen Läuterung nahe. Liszts „Malédiction“, die ich 2011 beim Lucerne Festival spielte, ist so ein Beispiel.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?

Nein, Identifikation nicht unbedingt, aber Durchdringung. Ein Werk muss analytisch, technisch, emotionell durchdrungen, seelisch nachvollzogen werden. Das ist für einen professionellen Musiker auch möglich, ohne dass er sich mit dem Werk identifiziert. Was ich aber an mir beobachte: Das Erlernen eines Werks ist gleichzeitig ein „Liebenlernen“, also Identifizieren.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?

Ja! Sie gehörte in den Leistungskatalog der obligatorischen Krankenversicherung!

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?

Nein, aber solche die mich lähmt, schmerzt, foltert, wütend macht.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?

Solche Gedankenspiele sind reizvoll, aber auch gefährlich. Ich bezweifle, dass aus heutiger Sicht klinische Diagnosen aufgrund der Biographien Mozarts, Beethovens, Schuberts oder Schumanns etwa, in denen der Nachweis von Persönlichkeitsstörungen erbracht werden soll, wirklich seriös gestellt werden können. Den Meisterwerken der genannten Komponisten wird man schwerlich gerecht, wenn man sie über den Kamm der entsprechenden Mutmassungen bricht. Natürlich ist grosse Musik ein Produkt irdischer Realität, aber nicht deren Spiegel.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?

Die Carmina Burana.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?

In meinem Ohr klingt es immer, ja. Der Ohrwurm-Effekt zeigt sich mir besonders hartnäckig beim gedankenlosen Summen oder Pfeiffen: Mein Limbisches System wird zum Widerkäuer von Jingles wie „The Entertainer“, „Muppet Show“, Don’t Worry Be Happy, „Da-Da-Da“, „Honey Pie“…

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?

Nein, Musik ist nie Mittel zum Zweck, es sei denn, sie werde missbraucht. Die Wirkung von Musik entzieht sich deshalb solcher Wertungen. Musik ist Selbsterfahrung: Sie macht unser Alleinsein fühlbar und verbindet uns gleichzeitig mit dem Grossen Ganzen.

(Bild: KKL Luzern)

Official Site of pianist Oliver Schnyder