Rezensionen 2004

«Musiker voller Tatendrang und Sensibilität

BRUGG Stefan Tönz (Violine) und Oliver Schnyder (Klavier) konzertierten in beeindruckender Harmonie – JüRG HALLER

Mit frischem Schwung, aber auch tiefer Empfindsamkeit präsentierte das bestens eingespielte Duo Werke dreier früh vollendeter Komponisten: Mendelssohn, der mit 38, Mozart mit 35 und Schumann mit 46 Jahren verstarb. Im fast ausverkauften Saal des Zimmermannhauses durften die auch international renommierten Solisten Beifallsstürme entgegennehmen.

Was zeichnet diese jungen Schweizer aus? Beide verfügen über eine blendende Technik, ausgeprägte Gestaltungskraft, starke Sensibilität, sie verstehen sich blind. Und sie sind sich ebenbürtig, so dass sich ein beglückendes Musizieren entfaltete. Diese Vorzüge demonstrierten die beiden Künstler bereits in der eröffnenden F-Dur-Sonate von Mendelssohn. Im Allegro vivace legten sie voll Tatendrang ein rasantes und beschwingtes Tempo vor, wobei sie sich auf ihre unfehlbare Technik verlassen konnten. Die wenigen melodiösen Ruhepausen gestaltete Tönz mit betörendem Schmelz. Im Adagio genoss man die innige und schwelgerische Linienführung des Geigers und das intime Duettieren. Das Finale packten die beiden Musiker mit viel Temperament an; sie legten ein halsbrecherisches Tempo vor – aber die Einheit blieb gewahrt. Der Optimismus und die Unbeschwertheit, die dieses Werk prägt, bildete für das Publikum einen richtigen Aufsteller.

Das Gleiche lässt sich von Mozarts F-Dur-Sonate KV 376 sagen. Lauter helle, freudige, lebensbejahende Themen, von keiner dunklen Wolke getrübt. Die Komposition stammt aus einer glücklichen Epoche im Leben Mozarts: Er trennte sich vom ungeliebten Erzbischof von Salzburg und liess sich in Wien nieder. Die Zuhörer labten sich an der Leuchtkraft der Farben, an der jugendlich beschwingten Wiedergabe, am besinnlichen Andante und am unbeschwerten Rondo. Das Zusammenspiel von Violine und Klavier liess nichts zu wünschen übrig; es lebte von der Gleichberechtigung der beiden Instrumente und der Kompetenz der Interpreten.

Szenenwechsel nach der Pause: Schumanns d-moll-Sonate op. 121 stand zur Diskussion. Da war die Unbeschwertheit, der Frohsinn weitgehend verschwunden. Wie so oft in seinen späten Kompositionen schlug Schumann einen dramatischen, erregten, düster gefärbten Ton an, da und dort machte sich eine nervöse Unruhe breit. Auch diese Thematik fand durch das Duo eine überzeugende Lösung. Mit Energie und grossem Schwung, aber auch mit starker Empfindsamkeit und einer subtilen Farbgebung zeigte es eine kompetente und engagierte Leistung, die die Zuhörer stark beeindruckte.

Von einer heitereren Seite zeigte sich Schumann an den beiden Zugaben, die einen beeindruckenden Abend beschlossen.» (Aargauer Zeitung, 30. November 2004)

 

«Ein beglückender Abend – Julia Fischer und Oliver Schnyder am 28. Oktober im Wiener Saal des Mozarteums

…Es war ein beglückender Abend auf musikalisch und technisch höchstem Niveau… In Mozarts Sonate F-Dur KV 376 war ein überaus harmonisches, gesangliches Musizieren zu hören, unspektakulär aber diesem Werk durchaus angemessen. Trotz des offenen Flügels gelang eine vorbildliche Balance zwischen den beiden Instrumenten… Schumanns Sonate Nr. 2 d-moll op. 121 wurde von vielen Zeitgenossen abgelehnt und auch von Clara Schumann kritisiert. Diese Musik, fünf Jahre vor seinem Tode komponiert, wurde mit Schumanns weiter fortschreitenden Wahnvorstellungen in Verbindung gebracht. Auch heute noch ist dieses von aufwühlender Zerrissenheit geprägte, gleichzeitig technisch sehr anspruchsvolle Werk für Interpreten und Zuhörer schwer zugänglich. Kraftvolle, rhythmisch pointierte Passagen stehen erzählenden, melancholischen, verzweifelten, flehenden, liedhaften (der Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ klingt an) gegenüber. Diese häufigen Stimmungswechsel in allen Nuancen auszuloten ist überaus schwierig. Eindrucksvoll, mit wie viel Kraft und Perfektion die beiden musizierten… Was mag Franz Schubert ein Jahr vor seinem Tod bewogen haben, die Fantasie C-Dur für Violine und Klavier zu schreiben, mit Variationen über sein 5 Jahre zuvor komponiertes Lied „Sei mir gegrüßt“…Umso mehr beeindruckten sie mit den hochvirtuosen Folgesätzen…Ein wahrhaft gelungener Abend, der neugierig macht auf die Zukunft dieser großartigen Musiker.» (Drehpunkt Kultur Salzburg, 29. Oktober 2004)

 

«Vielfarbiges Singen

Mozart-Fest in der Tonhalle Zürich … Zuvor hatte Oliver Schnyder sein durchsichtiges Mozart-Spiel im Rondo D-Dur für Klavier und Orchester mit einer Kadenz gekrönt, die David Philip Hefti eigens für ihn komponiert hatte und die auf begeisterte Zustimmung stiess» (Neue Zürcher Zeitung, 15. Mai 2004)

 

«Oliver Schnyder confirmant une souplesse stylistique déjà admirable dans Rachmaninov, adapte à merveille son toucher à la pulsation sauvage qui ravage ce paysage sonore aride. Entre soie et granite.» (La Liberté, 13. Mai 2004)

 

«überzeugend multikulturell

Für die ständig zunehmende Attraktivität der Preisträgerkonzerte sorgt wesentlich die zum Kennzeichen einer jungen Solistengeneration gewordene Horizonterweiterung. Das klassisch-romantische, mit einzelnen Werken aus dem 20. Jahrhundert angereicherte Standardrepertoire bildet zwar nach wie vor die Grundlage, doch treten immer häufiger wenig gespielte Kompositionen aus fernen Kulturen oder in den letzten fünfzig Jahren entstandene Neuheiten hinzu. Der im aargauischen Möriken aufgewachsene Pianist Oliver Schnyder lieferte als Preisträger des Pembaur-Wettbewerbs Bern 1999 im Kleinen Tonhallesaal am Montag für diese erfreuliche Tendenz schönste Beispiele, als er um vier Stücke aus den Capricci und Intermezzi op. 76 von Brahms und die zentrale Wanderer-Fantasie von Schubert mit je einer Sonate von Michael Tippett und Sergei Prokofjew einen "modernen" Rahmen legte.

Dem hörbar breiten Kulturverständnis des international aufstrebenden Pianisten kam zugute, dass er nach seiner Grundausbildung bei Homero Francesch in Zürich bei Leon Fleisher in Baltimore studiert und u. a. mit Dmitri Baschkirow zusammengearbeitet hatte. So fühlte sich Oliver Schnyder in der spätromantisch versponnenen Lyrik dreier Capricci von Brahms genau so überzeugend zu Hause wie in der eher spröden Klangwelt der einsätzigen 2. Sonate des Briten Michael Tippett. Wie er da mit bescheidenstem Pedalgebrauch Oktavenparallelen herunterdonnerte und die Spannung zwischen weiträumiger Kantabilität und kleinsten rhythmischen Zellen vergrösserte, beeindruckte im gleichen Masse wie der kraftvolle Zugriff in der mit überlegener Virtuosität vorgetragenen Fantasie C-dur D 760 von Schubert. Bei aller zugespitzten Fingerfertigkeit kamen die vielschichtigen emotionalen Qualitäten keineswegs zu kurz. Subtile multikulturelle Einfühlung sprach auch aus der vehementen, mit messerscharfer Präzision gemeisterten Wiedergabe der sperrigen 6. Sonate op. 82 von Prokofjew, deren Biss und klangliche Radikalität der stilsichere Interpret packend zum Ausdruck brachte.» (Walter Labhart, Aargauer Zeitung, 28. April. 2004)

 

«Unverfroren und mit neugierigen Fingern

Bei seinem Zürcher Auftritt in den Tonhalle-Preisträgerkonzerten packte Pianist Oliver Schnyder kräftig zu. Rundum begeisternd.

31 Jahre alt ist er, gehört also nach Massgabe des auf Neuentdeckungen versessenen Musikmarkts bereits nicht mehr zum Kreis jener Superjungtalente, die zumal bei Preisträgerkonzerten das Publikum immer wieder in Verblüffung versetzen. Jugendlich in musikalisch bestem Sinn ist Oliver Schnyder allerdings sehr wohl geblieben. Von einer Attitüde artifizieller Abgeklärtheit ist beim Zürcher Pianisten jedenfalls nichts zu spüren. Kräftig, unverfroren, mit geradezu auf all die Töne des Repertoires neugierigen Fingern langt er zu. üppige Begleitfiguren in Brahms' selten gespieltem Opus 76 etwa wischt er nicht mit der Understatement-Haltung "Wir wissen ja Bescheid" diskret in den Hintergrund, sondern gönnt ihnen ihre aufgeraute, aufwühlende Präsenz, Ton für Ton.

Rückhaltloser Einsatz

Geradezu mottohaft für den Auftritt im Kleinen Tonhalle-Saal vom Montag war zu Beginn der unzimperliche Zugriff auf die eruptiven Brocken, aus denen Michael Tippett seine kaleidoskopisch gefügte 2. Klaviersonate baut. Die Gebärde des temperamentvollen Erfindens fand sich wieder in Schuberts "Wandererfantasie", die Schnyder zum lustvoll spektakulären Gebilde ausufernden Fantasierens auftürmte – ein Schubert im vollen Selbstbewusstsein um seine blendende Wirkung erstand da.

Und schliesslich befeuerten Farb- und Expressionsvielfalt solchen Energieeinsatzes auch Prokofjews 6. Klaviersonate, die vom Schrei des zentralen Kopfmotivs über eigentliche "Col-pugno"-Lärmeffekte und robusteste Rhythmik bis zu einem zerdehnten Walzer pianistische Virtuosengestik bis an die Grenzen ausreizt.

Der rückhaltlose Einsatz übertrug sich aufs Publikum – Begeisterung im Saal. Mit Schumanns "Träumerei" reichte Schnyder dann zuletzt den Beleg doch noch nach: Er könnte schon auch abgeklärt tun, wenn es denn sein müsste.» (Michael Eidenbenz, Tages-Anzeiger Zürich, 28. April 2004)

 

«Die Tonträger weisen Schnyder mit ihrer Breite, mit der Freiheit und Lebendigkeit seines Interpretierens als Vertreter einer neuen Pianisten-Generation aus, die gleichsam bei der Grossvater-Generation anknüpft und deren Errungenschaften weiterentwickelt.» (Neue Zürcher Zeitung, 22. April 2004)

 

Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist