Rezensionen 2007

"Mit spielerischer Verve zur Innenschau

Das Casal-Quartett und Oliver Schnyder spielten in der Zürcher Tonhalle. Der Pianist und die Streicher gaben Mozart gekonnt wieder – mal kräftig, mal quirlig, mal düster. TORBJÖRN BERGFLÖDT

Der Pianist Oliver Schnyder, einst Schüler von Homero Francesch und Leon Fleisher, ist in Möriken aufgewachsen. Der Cellist des auch sonst mit dem Künstlerhaus Boswil liierten Casal-Quartetts ist künstlerischer Leiter des "Boswiler Sommers". Insofern atmete die jüngste Kammermusik-Soiree der Tonhalle-Gesellschaft Zürich im Kleinen Tonhalle-Saal auch ein bisschen aargauische Gastluft.

Das Hauptprogramm startete mit Mozarts Klavierquartett Es-Dur KV 493. Interpreten dieses Dreisätzers hatte vor rund zwei Jahrhunderten der Redaktor einer musikalischen Zeitung "ausser der erforderlichen beträchtlichen Geschicklichkeit ein Herz und einen für Musik sehr reif gebildeten Verstand" empfohlen.

Schnyder im Verbund mit dem zum Streichtrio reduzierten Quartett verbanden bei ihrer Wiedergabe spielerische Verve mit dem ertragreichen Bemühen, Innenschau zu halten. Leuchtkräftig und frisch klang schnelles Passagenwerk bei Schnyder. In der Durchführung des Kopfsatzes und danach im Larghetto freilich liess er hören, wie Mozart, dieser Meister des musikalischen Chiaroscuro, plötzlich dunklere Ausdrucksbezirke anreisst. Im Finale, wo der Komponist unterhaltend ist ohne ostentativen Frohsinn, brachte die Viererschar Drive ins Spiel; quirlig und rhythmisch pointiert klang das…" (Dezember 2007)

 

"Grandiose 'Musik im Schloss'

Für die Liebhaberinnen und Liebhaber von klassischer Musik, insbesondere Kammermusik, gab es am vergangenen Sonntag, 4. November, im Rittersaal des Schlosses Rapperswil-Jona ein ganz besonderes Highlight zu erleben. Vier Musiker mit internationalem Ruf gaben ein Konzert von Weltklasse. Thomas Geissler

Dieses Konzert, so wie schon viele zuvor, sei keine Selbstverständlichkeit in der heutigen Gesellschaft, betonte Jakob Knaus zu Beginn der Veranstaltung. Gerade heute, in einer Zeit, die durch Konsum geprägt ist, sei es wichtig die Musik als einen wichtigen kulturellen Bestandteil einer Gesellschaft zu erhalten und zu pflegen. Dies bedeute vor allem auch unseren Nachkommen den Zugang zur Musik zu ermöglichen und zu fördern, in dem Sinne wie es die Initiative für Jugend und Musik versuche.

Als die Musiker Oliver Schnyder (Klavier), Stefan Tönz (Violine), Lars-Anders Tomter (Viola) und Christian Poltera (Violoncello) den Rittersaal betraten toste der Applaus los, bis kurz darauf erwartungsvolle Stille herrschte.

Der junge Gustav Mahler

Der erste Satz des Klavierkonzertes in a-moll von Gustav Mahler stand zuerst auf dem ‘Spielplan’. Der damals erst 16jährige Musikstudent zeigte schon hier seine beachtlichen Fähigkeiten des komponierens. Das ganze Werk wirkte sehr tragisch und melancholisch. Nach einem leisen flüsternden Einstieg steigerte es sich zu mehr Tempo, gewann an Feuer, blieb aber weiterhin düster, dann wieder zum Teil gehetzt, bis es zu seinen melodischeren Anfängen zurückfand, während das Violoncello Polteras geradezu magisch einen dunklen Untergrundton zauberte. Musikkenner sind sich einig gerade in diesem frühen Stück den späteren Mahler noch nicht zu erkennen. Zu sehr richtete dieser in seinen Jugendjahren sein Augenmerk auf die Vorbilder Schubert, Schubert und Brahms.

Ein zuwerfen von ‘Bällen’

Zwei dieser berühmten Komponisten sollten an diesem Abend noch folgen, zumindest ihre Kompositionen. Robert Schumanns Klavierquartett in Es-dur von 1842 begann wesentlich verspielter und melodischer. Sehr prägend wirkte zu Beginn das Klavier. Auch hier steigerte sich das Gespielte, gewann an Tempo und Intensität. Die Übergänge wirkten manchmal sehr abrupt und ruppig. Zum Teil wurde es richtig schnell und die Körper der grandiosen Musiker wippten und zuckten mit, sie lebten die Musik. Der Dritten Satz ‘Andante cantabile’ begann wiederum sehr melodisch und getragen Gerade die Violine gab dem Stück eine gewisse träumerische Note, während das Klavier grandios durch Schnyder zaghaft den Hintergrund ummalte. Im temporeichen Finale zeigten Viola- und Violinespieler in atemberaubender Geschwindigkeit ihre Fähigkeiten. Tomter und Tönz schienen sich die ‘Bälle’ geradezu zuzuwerfen.

Den Faden verloren

Den Abschluss dieses grossartigen Konzertes bildete Johannes Brahms Klavierquartett Nr 1 in g-moll von 1861. Dies zeigte sich immer wieder erstaunlich melodisch, fast tänzerisch, bis wieder in abrupten Wechseln der Faden verloren schien, um ihn aber erneut zu finden. Gerade bei den ersten Sätzen merkte man die Dominanz des Klaviers an. Das Violoncello untermalte zumal nur zupfend den Fluss der Musik, während Viola und Violine in einem erneuten hin und her der Noten spielten. Und immer wieder stach das Klavier hervor.

Der dritten Satz, ‘Andante con moto’ begann erst sehr melancholisch. Immer wieder nimmt der Zuhörende den Faden der Melodie auf, um ihn zugleich auch wieder zu verlieren. Zuerst schien es das ‘Spielfeld’ der Streicher zu sein, bis das Klavier die Führung übernahm und zu marschähnlichen Tönen anschlug. Beim anschliessenden ‘Rondo alla Zingarese: Presto’ wurde es richtig feurig. Einzigartig verstanden es hier Tomter auf der Viola und Tönz auf der Violine die Glut zu entfachen. Unwillkürlich zuckte das Bein des Zuhörenden und die Bewegungen der Musiker verdeutlichte zudem auch visuell die Intensität der Töne. Sie schienen sich die Klänge geradezu zuzuspielen, ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Doch immer wieder zeigte hier das Klavier Dominanz, übernahm den Faden, während die Streichinstrumente nur gezupft wurden.

Und plötzlich war alles still, bis ein geradezu sturmartiger Beifall einsetzte. Dieser nahm kein Ende. Sogar der Boden bebte durch das dumpfe stampfen der Füsse in Anerkennung für die vier grossartigen Künstler."

 

Spieltechnisch brillant und ausdrucksstark

Pianist Oliver Schnyder präsentierte sich in der Kunsthalle Ziegelhütte mit einem delikaten Sonaten-Programm

Appenzell. Der international gefragte Schweizer Pianist Oliver Schnyder sorgte beim September-Abo-Konzert in der Kunsthalle Ziegelhütte für ein Musikerlebnis par exzellence. Ferdinand Ortner

Es war ein echter Hörgenuss, den einer der Spitzenkönner der jungen Pianisten-Generation dem beifallfreudigen Publikum schenkte. Als Krönung des Klavierabends erlebten nämlich die atemlos lauschenden Zuhörer – optimal eingestimmt durch delikate Sonaten von Edvard Grieg (1843 bis 1907) und Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) – eine faszinierende Interpretation eines der tiefgründigsten Klavierwerke Franz Schuberts, der grossen Sonate in B-Dur. Diese Klavierkomposition aus Schuberts Todesjahr 1828 ist gleichsam ein musikalisches Vermächtnis.

Virtuose Qualitäten gefordert

Sie verlangt vom Pianisten nicht nur exzellente virtuose Qualitäten, sondern stellt auch besonders hohe Anforderungen an Klangkultur und Kantabilität, an die Feinheit der Nuancierung und die Artikulation des Ausdrucks. Eine epochale Klavierkomposition, an der sich die Besten beweisen können! Es sei vorweggenommen: Oliver Schnyder, der Schuberts Meistersonate eigens für das Appenzeller Konzert einstudierte, bot bei der Konzertpremiere eine begeisternde Leistung!

"Ein Lächeln unter Tränen"

Schnyder identifizierte sich voll mit Schuberts Gefühlswelt, versenkte sich intensiv in das Opus und bestach durch musikalische Kompetenz, spieltechnische Brillanz und beseelte Ausdruckskraft. Seine berührende Interpretation offenbarte eine Fülle melodischer und harmonischer Schönheit, geprägt von Sehnsucht und Schmerz, aber auch – im Finale – von inniger Heiterkeit. "Ein Lächeln unter Tränen", wie in der Konzertankündigung zu lesen war. Den melodiösen Kopfsatz gestaltete der Künstler mit nuancenreichem weichem Anschlag klar strukturiert und träumerisch fliessend. Beim ätherischen Klanggebilde des "Andante"-Satzes zelebrierte er den erdentrückten Gesang selig-trauriger Resignation sehr beeindruckend. Er liess die sehnsuchtsvolle Melodik – von hingetupften Staccato-Tönen umspielt – innig erblühen.

Nach diesem gefühlvollen Abschiedslied bewies er auch beim tänzerisch-beschwingten "Scherzo" dezente Pianokultur und Transparenz. Den virtuosen, an Haydnsche Rondo-Heiterkeit erinnernden Finalsatz interpretierte er ungemein kontrastreich und effektvoll. Ein Beifallssturm belohnte die hervorragende pianistische Demonstration.

Optimale Einstimmung

Das Klavierrezital hatte Oliver Schnyder mit der Sonate in e-Moll, op. 7 von Edvard Grieg eröffnet. Mit diesem kaum bekannten Jugendwerk wurde dem nordischen Romantiker in seinem 100. Todesjahr Reverenz erwiesen. Die poesievolle viersätzige Sonate mit ihrem romantischen, nordischen Kolorit, der elegischen Melodik und den mystisch-lyrischen Stimmungsbildern spielte Schnyder sehr emotional.

Frische Themen ausgekostet

In den beiden "Allegro"-Sätzen sowie dem pathetischen "Andante" und dem tänzerischen "Menuett" kostete er – gefühlvoll differenziert – die frischen Themen und den Farbenreichtum der Naturstimmungen genussvoll aus. Einen reizvollen stilistischen Kontrast dazu bildete die expressive Sonate Nr. 3, op. 28, von Sergej Prokofjew, eine der meistgespielten Sonaten des russischen Komponisten und Klaviervirtuosen. Rasante Rhythmik und ekstatische Dynamik mit unglaublichen Steigerungen kontrastierten mit zarten lyrischen Passagen und wirbelnden freien Kadenzen.

Dem technisch brillanten Pianisten gelang eine spannungsvolle und mitreissende Interpretation.

 

Sensationelle junge Geigerin

Veronika Eberle bei Festspielen

Schwetzingen. Ist es nicht unglaublich, mit welcher Urgewalt derzeit blutjunge, bildschöne, technisch perfekte und in allen Stilrichtungen versierte Geigerinnen auf den Musikmarkt drängen? Neueste Sensations-Entdeckung bei den Schwetzinger Festspielen: die erst 18-jährige Veronika Eberle, die mit ihrem nicht minder stupenden Klavierpartner Oliver Schnyder eine Matinee der Extraklasse präsentierte.

Die Deutsche Stiftung Musikleben hat die junge Dame mit dem wippenden Pferdeschwanz mit einem kostbaren Instrument von Joseph Gagliano ausgestattet, und sie erwies sich dieser Ehre würdig. In blindem Einvernehmen mit Oliver Schnyder, der über das technische Rüstzeug, die Empfindsamkeit und das unbestechliche Ohr des geborenen Kammermusikers verfügt, absolvierte Veronika Eberle mit federnder Eleganz die graziöse Sonate c-Moll opus 6/5 von Pietro Locatelli und mit erstaunlicher gestalterischer Reife die Sonate A-Dur D 574 von Franz Schubert mit dem ungewohnt schroffen Scherzo.

Dass Eberle eine beneidenswerte Kondition ihr Eigen nennt, unterstrich ihr Soloauftritt nach der Pause. Mit ungebremster Energie stürzte sie sich in die geistvolle Sonate für Violine solo D-Dur opus 115 von Sergej Prokowjew mit den slawisch gepfefferten Ecksätzen und dem anmutigen Variationensatz Andante dolce. Ein Meisterstück perfekten Zusammenspiels und unversiegter Intensität war die Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 d-Moll opus 75 von Camille Saint-Saens. Geradezu lustvoll stellten sich die beiden Künstler den virtuosen Herausforderungen des Werks, das vor allem im Finalsatz mit rasend schnellen Tonleiter-Passagen nicht die mindeste Ermüdungserscheinung verziehen hätte. Mit hartnäckigem Applaus signalisierten die hellauf begeisterten Zuhörer, dass sie nicht willens waren, auf eine Zugabe zu verzichten. Die wurde ihnen dann mit dem wunderschönen Allegretto aus der a-Moll-Sonate von Robert Schumann zuteil. (Waltraud Brunst, Schwetzinger Zeitung 3.5.2007)

 

Mühelos meisterhaft

Veronika Eberle & Oliver Schnyder in Polling

Polling – Wenn man als Newcomer auf dem Konzertpodium von Georg Hörtnagel promotet wird, dann hat man es geschafft. Das gilt auch für Veronika Eberle: Der Konzertveranstalter mit dem feinen Gespür für große Begabung präsentierte am Freitag die erst 18-jährige Nachwuchsgeigerin dem Pollinger Publikum, das diesmal eine erfreulich hohe Quote junger Zuhörer aufweisen konnte. Zusammen mit ihrem Klavierpartner Oliver Schnyder aus der Schweiz stellte sich die junge Künstlerin aus Donauwörth mit einem breitgefächerten Programm vor. Fast verbietet es sich, von Nachwuchs zu sprechen, denn es betritt eine reife Persönlichkeit mit warmer, sympathischer Ausstrahlung die Bühne. Sie hat keinerlei Pose nötig, auch keine lauten Töne, um zu überzeugen. Die ersten zarten Klänge von Locatellis c-Moll-Sonate sind fast unhörbar, doch von zwingender Klarheit. Die Mühelosigkeit, mit der sie ihr Instrument beherrscht, verzaubert augenblicklich, ebenso das feinsinnige Nachspüren selbst kleinster Strukturen, eine Virtuosität von unnachahmlicher Eleganz und ein glasklarer Gestaltungswille. Diese Qualitäten hätte man gerne am großen Dialektiker Beethoven erlebt; schade, dass die beiden Künstler statt dessen auf Schuberts A-Dur-Sonate auswichen. Gleichwohl zauberten sie auch hier ein Feuerwerk an klanglicher Delikatesse. Spätestens jetzt zeigte sich auch, welch hochkarätiger Partner Oliver Schnyder ist: Die musikalische Intuition und analytische Intelligenz, mit der er mühelos zwischen Zurückhaltung und Führung wechselt, ergänzt sich geradezu ideal mit Eberles subtiler Spielweise. Wenn je die Rede von musikalischer Partnerschaft Gültigkeit beweist, dann im Zusammenspiel dieser bei den Musiker. Entsprechend klangen schon zur Pause Bravorufe. Janaceks Sonate as-Moll ist eine Provokation, in Polling allemal. Hin- und her gerissen zwischen brutaler Härte und depressiver Fahlheit gingen die beiden an die Grenzen der Hörbarkeit. Und in Saint-Saens' d-MollSonate reihte sich eine spannungsvolle Klangsphäre an die andere. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können zwischen den einzelnen Sätzen. Erst der Schlusssatz löste mit seiner glitzernden Präzision die Spannung. Begeisterung ohne Ende, und das zu Recht. Das Allegretto aus Schumanns a-Moll-Sonate führte wie ein Abendgebet sanft zur Ruhe zurück. Zwei außergewöhnliche Künstler, denen man allen Erfolg von Herzen wünscht. (Dagmar Becker, WM Tagblatt, 12.2.2007)

 

„…als Zugabe erklingt ein Norwegischer Tanz von Grieg auf dem Klavier – vierhändig. So viele Hände hätte man gerne gehabt zum Applaudieren!“(Hamburger Morgenpost 26.1.2007, zum Sonatenabend in der Laeiszhalle Hamburg)

 

„Wallfahrtsbericht vom Konzert einer Geigerin

Julia Fischer ist die erste deutsche Geigerin seit Anne-Sophie Mutter, die mit einem Sonatenabend mühelos den Großen Saal der Laeiszhalle füllt. Ihr Spiel rechtfertigt die Wallfahrten der Fans.

Auf der Bühne erscheint die 23 Jahre alte Münchner Geigerin Julia Fischer wie ein lebendes Vexierbild. Mal wirkt sie auf stolze Art demütig, mal auf demütige Weise stolz. Die schöne Musikerin mit dem straff zurückgekämmten, von einer Spange gehaltenen Haar hat etwas von einer Königin, die sich zu früh ins Amt fügen musste. Seit sie zwölf Jahre alt ist, nimmt die Welt an ihrer Karriere Anteil. Sie ist die erste deutsche Geigerin seit Anne-Sophie Mutter, die mit einem Sonatenabend mühelos den Großen Saal der Laeiszhalle füllt. Das ist phänomenal, und ihr Spiel rechtfertigt die Wallfahrten der Fans, denn Julia Fischer ist kein Marketingprodukt, sondern eine seriöse und starke Musikerin. Ihr Konzert mit dem vorzüglichen Pianisten Oliver Schnyder am Mittwoch ließ nur zu wünschen übrig, dass sie an dieser Bürde etwas leichter trüge. Bis zur letzten Zugabe blieb ihre Kunst wie der Titel einer der Kinderszenen von Robert Schumann: "Fast zu ernst". Fast. Will man Bach denn anders hören als ernst? Oder Schumann? Debussy? Grieg? Julia Fischer strich das Adagio aus Bachs Solosonate C-Dur BWV 1005 wie jemand, der durch Seidenpapier eine Kostbarkeit befühlt. Bloß nicht zuviel Vibrato, lieber fahle Töne, lieber ganz vorsichtig. Die Fuge danach spielt sie dafür überdeutlich, zupackend und mit mehr Kraft als nötig, stellenweise beinahe rittmeisterlich. Kurz darauf lässt sie über dem Orgelpunkt ein herrliches Crescendo aufblühen, die zergliederten Akkorde wenig später klingen ganz gelöst, und man denkt, jetzt entspannt sie sich. Aber sie entspannt sich nicht wirklich. Das Allegro assai im Finalsatz scheint ihrem Temperament mehr zu liegen, hier blitzen die Töne wie kleine Kristalle. Bei der Sonate Nr.1 a-Moll von Robert Schumann schießt ihre gewaltige, von eiserner Disziplin in Schach gehaltene Kraft beinahe über. Den verlangten "leidenschaftlichen Ausdruck" holt sie mit starkem Vibrato aus ihrem Instrument. In den bewegtesten Stellen drückt sie den Bogen derart beherzt auf die Saiten, dass es aussieht, als ringe sie mit ihrem Lieblingsfeind.

Im Jazz wartet man immer auf die Ballade, um die Qualität eines Solisten, einer Sängerin zu erkennen. Kriegt sie mich? Kriegt sie mich nicht? Julia Fischer hat mir den ganzen Abend großen Eindruck gemacht. Gekriegt aber hat sich mich erst ganz zum Schluss. Als letzte Zugabe spielte sie mit Schnyder vierhändig einen langsamen, nicht besonders virtuosen "Norwegischen Tanz" von Edvard Grieg am Klavier. Ich freue mich auf den Tag, an dem sie so ihre Geige spielen wird – leicht, sinnlich und selbstvergessen.“ (TRS, "Die Welt" 26.1.2007)

«Fischers feurig-furiose Farbenfülle

Laeiszhalle – HAMBURG –

Der Begriff "Ausnahmetalent" trifft es nicht ganz. Denn Julia Fischer ist bereits mehr als das: Schon jetzt gehört sie zu den international bedeutendsten Geigerinnen und Geigern – und zwar nicht "nur" in ihrer Generation.

Das hat die 23-jährige Münchnerin – seit Oktober jüngste Hochschulprofessorin Deutschlands – bei ihrem Kammermusikabend in der Laeiszhalle eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit einem anspruchsvollen Programm demonstrierte sie da ihre große stilistische Bandbreite und ausgereifte Wandlungsfähigkeit: Sie begann mit einer organisch geatmeten, schlackenlos reinen und technisch absolut makellosen Darbietung von Bachs C-Dur-Solosonate und endete bei der dritten Sonate von Grieg. Ein herrlich hochromantisches Stück mit einem feurig-furiosen Finale, von Fischer und ihrem Klavierpartner Oliver Schnyder in glühender Intensität musiziert. Zwischen den Eckpunkten Bach und Grieg erklang die erste Sonate von Schumann sowie, als atmosphärischer Höhepunkt des Konzerts, Debussys g-moll-Sonate. Hier zauberte das Duo eine faszinierende Fülle ganz unterschiedlicher Farben aus den Saiten; vom engelhaft zarten Flageolett-Hauch bis zum salonhaft verruchten Glissando-Schlenker. Als zweite Zugabe erlebten die begeisterten Besucher dann noch eine Weltpremiere. Da setzte sich Julia Fischer zu Schnyder an den Flügel und spielte mit ihm vierhändig einen Norwegischen Tanz von Grieg: Reizende Schlusspointe eines außergewöhnlichen Abends, den man auf dem Zettel haben sollte, wenn es in elf Monaten gilt, sich an die herausragenden Konzerte des Jahres 2007 zu erinnern."(Stä, Hamburger Abendblatt, 26.1.2007)

 

«Musik statt Worte am Dolder-Meeting

Zürich. – Ein unglücklicher Sturz verhinderte, dass Lord Dahrendorf am Dolder-Meeting des "Tages-Anzeiger" über "Demokratie als Exportartikel" sprechen konnte. An seiner Stelle spielte das Zürcher Kammerorchester unter Muhai Tang mit dem jungen Pianisten Oliver Schnyder Werke von Haydn und Mozart…

Keine Rede ist so gut wie Mozart

Überraschung am letzten Dolder-Meeting von Tamedia-Präsident Hans Heinrich Coninx: Statt Lord Dahrendorf trat in der Schiffbauhalle das Zürcher Kammerorchester auf.

Ein Montagmorgen, den sich Hunderte von Managern, Politikern, Kulturgrössen und Medienschaffenden aus der ganzen Schweiz in der Agenda jeweils rot anstreichen, war gestern noch viel spezieller. Erstens war es das letzte Mal, dass Hans Heinrich Coninx im Namen des "Tages-Anzeigers" einlud. Am 3. Mai wird er sein Amt an Pietro Supino übergeben.Vor allem aber: Der grosse lieberale Denker, Politiker, akademische Lehrer und Publizist Lord Ralf Dahrendorf musste infolge eines Sturzes kurzfristig absagen.

Wie Gastgeber Hans Heinrich Coninx mit dieser Absage umging, war ein gut gehütetes Geheimnis bis Montagmorgen um 10 Uhr. Über 300 Personen kamen in den Schiffbau, ohne die geringste Ahnung zu haben, was auf sie wartete. Es war Ruth Binde, die Grande Dame der Schweizer Literaturszene, die das Rätsel als erste löste. Sie traf in der Toilette eine chinesische Cellistin und schloss sofort auf das Zürcher Kammerorchester. Die Bestätigung lieferte Hans Heinrich Coninx in seiner Begrüssungsrede. "Es hätte an Selbstüberschätzung gegrenzt", sagte er, in dieser kurzen Zeit einen gleichwertigen Ersatz für Lord Dahrendorf zu finden. Er entschloss sich deshalb, seinen Gästen einen exklusiven Musikgenuss zu bieten.

Die Reaktionen der Gäste waren von Anfang an sehr positiv. "Das ist sehr mutig, aber genial", sagte Peter Athanas, der Chef von Ernst & Young. "Alle anderen Referenten wären mit Dahrendorf verglichen worden". Für Lukas Briner, der Direktor der Zürcher Handelskammer, wäre das für jeden Redner eine "hoffnungslose Rolle" gewesen. "So schön, das ist für mein Gemüt besser als jede Rede", freute sich der Zürcher Finanzvorsteher Martin Vollenwyder. Und seine Amtskollegin Monika Stocker wünschte sich: "So könnte doch jeder Montag beginnen." Was für den so harmonisch arbeitenden Zürcher Stadtrat aber wohl doch des Guten zuviel wäre.

Unter der Leitung von Maestro Muhai Tang, der kürzlich die Nachfolge von Howard Griffiths übernommen hatte, spielte das Zürcher Kammerorchester zwei Werke von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart (Klavierkonzert C-Dur KV 467). Am Klavier beeindruckte der erst 33-jährige Pianist Oliver Schnyder, der schon regelmässig auf den grossen Bühnen der Welt auftritt. "Das war für mich eine Premiere", sagte Schnyder nach dem Konzert. "Ich brauchte eine besondere mentale Vorbereitung, um an einem Montagmorgen in Form zu sein."

Eine Premiere war dieser Anlass auch für alle 300 Gäste. Noch keiner hatte bisher die Woche mit einem klassischen Konzert begonnen – geschweige denn mit einem wunderschönen Mozart von einem derart hochklassigen Orchester. "Ich schwebe auf Wolke sieben", sagte Urs Rengel, der Chef der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich. Noch halb in Trance war auch Baudirektorin Ursula Gut. "Ich hätte den ganzen Mozart mitsingen können, das habe ich zum Glück aber unterlassen." Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz freute sich: "An Überraschungen bin ich in Bern zwar gewöhnt, aber nicht an so schöne." Für Justizdirektor Markus Notter ist klar: "Es gibt kein Referat, das so gut sein kann wie Mozart." Angesichts all der glückseligen Politiker folgerte ETH-Professor Ueli Maurer, einer der weltbesten Kryptologen: "Jetzt wird sicher besser regiert." Managen auch die Manager besser, wenn sie jeden Morgen ein solches Mozart-Konzert geniessen könnten? Der Personalberater Mario Monti jedenfalls überlegte sich, künftig am Montag jede Geschäftsleitungssitzung mit einem Konzert ab CD zu beginnen. SRG-Generaldirektor Armin Walpen hätte lieber ein richtiges Konzert – "in meinem Büro wäre für ein Orchester aber kein Platz, nicht mal für einen Flügel".

Dem Gastrounternehmer Freddy Burger bleibt das 27. Dolder-Meeting ganz besonders in Erinnerung, "weil es den Geist und das Wirken von Hans Heinrich Coninx so wunderbar spiegelt". Für "Tages-Anzeiger"-Chefredaktor Peter Hartmeier kann die Medienbranche, die mit zwei Dutzend Verlegern und Chefredaktoren vertreten war, von der Hingabe, Lust und Kreativität der Musiker viel lernen.

Es gab an diesem Morgen nur zwei Gäste, die nicht voll auf ihre Rechnung kamen: die Schriftsteller Hugo Loetscher und Ruth Schweikert. "Ich habe die Diskussion vermisst, die es sonst nach einem Referat gibt", sagte Loetscher. Auch Ruth Schweikert hatte sich "auf eine andere Art von intellektueller Nahrung" gefreut… »(Ruedi Baumann, Tages-Anzeiger, 16.1.2007)

 

Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist