Rezensionen 2016

„Flügelweihe mit Beethoven

Letztes Philharmonisches Konzert der Saison

Von Peter Buske

 Frankfurt (Oder). Nun hat das vielbeschäftigte und handfest traktierte Schlachtross aus dem weltbekannten Steinway-Gestüt ausgedient und verdient vielleicht noch irgendwie und irgendwo sein Gnadenbrot. Sein Nachfolger stammt aus dem traditionsreichen Wiener Bösendorfer-Stall und trägt die Markierung 280 VC was dem Kenner verrät, dass es sich um einen veritablen Konzertflügel von beträchtlicher Länge handelt. Auf seinen 88 Tasten lässt sich eine ausdrucksstarke, klare und farbenreiche, warme und singende, zu vielen Nuancen fähige Klangfülle erzeugen. In der Summe ein vortreffliches Alleinstellungsmerkmal, das im Zeitalter der Steinway-Globalisierung für einen erfreulich anderen Sound im Konzertsaal sorgt. Am vergangenen Freitag stellte sich das Instrument beim 10., dem letzten philharmonischen Konzert der Saison in der überaus gut besuchten Frankfurter Konzerthalle erstmals dem Publikum vor.

Die ersten Töne darf Konzertmeisterin Klaudyna Schulze-Broniewska beim Einstimmen des Orchesters anschlagen. Die eigentliche Flügelweihe vollziehen danach der Solist Oliver Schnyder und das Staatsorchester unter Leitung Howard Griffiths mit Ludwig van Beethovens pathetischem, anti- napoleonisch inspiriertem 5. Klavierkonzert Es-Dur.

Nach kurzem Tuttischlag hat der Pianist das neue Instrument fest im Griff. Er achtet sehr auf artikulatorische Feinheiten, bringt die heldischen und lyrischen Abschnitte aus diesem Experimentierfeld des sinfonischen Konzertierens vorzüglich zur Geltung. Doch die Vorlieben des Flügels zeigen sich besonders deutlich im Adagio, das Schnyder ganz leicht und lebendig, mit Freude am Ziselieren bezaubernd aussingt.

Spannend der Übergang ins Finalrondo, das das rauschend und glanzvoll auftrumpfende Orchester und den Solisten im herrlich gelösten Miteinander zeigt. Als Zugabe lässt er den „Vogel als Prophet“ (aus Robert Schumanns ‚Waldszenen’ Op. 81) den Tasten entflattern. …“


Sir Roger’s Delights: Schnyder und Norrington mit dem ZKO in der Tonhalle Zürich

Sir Roger Norrington kann es nicht lassen, das Publikum auch als Ehrendirigent des Zürcher Kammerorchesters zu beglücken – und er tat dies mit großem Erfolg in der ausverkauften Tonhalle. Die Musiker gruppierten sich im Dreiviertel-Kreis um den zur Orgel hin ausgerichteten Flügel ohne Abdeckung, der Pianist saß also mit dem Rücken zum Publikum. Die Aufstellung ist kein Unikat; andere Pianisten nutzen das gleiche Konzept, wobei im vorliegenden Fall Oliver Schnyder sich auf das Klavier konzentrieren konnte und der ihm gegenüber sitzende Roger Norrington die Koordination mit dem Orchester übernahm. Abgesehen vom Dirigenten und den Instrumenten ein historisches Setup – ob sich das in einem Saal wie der Tonhalle bewährt?

Rein klanglich dominierte eindeutig das Orchester mit seiner expansiven „al fresco“-Dynamik, die dem Publikum beide Werke des Abends wie neu erscheinen ließ; man konnte geradezu den Sensationswert der Kompositionen für das damalige Publikum wiedererleben. Norringtons Sicht auf Beethoven, namentlich dessen Symphonie Nr. 3 „Eroica“, ist natürlich bekannt, zumal von seinen Aufnahmen mit den London Classical Players und dem RSO Stuttgart. Nun schien er von der Besetzung her wieder zur Größe des ersten Orchesters zurückzukehren, ging allerdings in Radikalität der Dynamik und Artikulation über seine spätere Aufnahme hinaus: er kann es sich leisten, jeglichen Konventionen abzusagen.

Alles war so lebendig, die einzelnen Bläsergruppen, die Norrington phrasenweise aufleuchten ließ, die aufrüttelnden Pauken-Akzente, die leichte Artikulation und das sehr gute Zusammenspiel, die konzentrierte Mitarbeit aller Orchestermusiker, die klar hervortretenden Liegenoten in den Streichern: es entsprach meiner Erwartung, und dennoch erlebte ich die Musik wie neu, entdeckte zahllose, bisher nicht beachtete Einzelheiten. Das Spiel ohne Vibrato ist mittlerweile anerkannter Teil historisch orientierter Musizierpraxis, dennoch ließen liegende Töne, die sich sirrend, fast aufdringlich (aber keineswegs störend) ans Ohr schoben, aufhorchen. Sogar in den langsamen Sätzen, wo manches historisierende Ensemble das Vibrato selektiv als Verzierung oder zum Hervorheben einzelner Noten verwendet, war Norrington konsequent—und das Resultat überzeugte!

Bei den Tempi richtete sich der Dirigent gewohnt konsequent nach Beethovens raschen Metronom-Angaben, übertraf diese gar, oftmals bis hart an die Grenzen des für das Orchester noch Machbaren. Das übertrug er auch auf Beethovens Klavierkonzert Nr. 5, dessen langsamer Satz nicht wie gewohnt salbungsvoll zelebriert wurde, sondern im ungewohnt flüssigen Zeitmaß ganz neue Perspektiven auf diese Musik ermöglichte, mit Fokus weniger auf der kleinräumigen, über weite Strecken uniformen Motivik, sondern auf dem harmonischen Verlauf, den großen Phrasen.

Schon rein physisch stand im Klavierkonzert natürlich der Konzertflügel im Zentrum, gespielt von Oliver Schnyder. Ihm gehören nach dem festlichen Eröffnungsakkord auch die ersten Takte, und er demonstrierte gleich sein dezentes, filigranes Spiel: Er ist bei Beethoven kein Tastendonnerer, sondern versuchte wohl, sich mit leichter Artikulation dem Orchester und zugleich der Sonorität historischer Instrumente anzunähern. Leider funktionierte das (zumindest für Zuhörer im Parkett) nur bedingt. Das Weglassen der Abdeckung ist bei dieser Aufstellung unabdingbar für die Kommunikation des Ensembles über das Solo-Instrument hinweg; damit entfällt aber zugleich die Fokussierung des Klangs auf das Auditorium. Der Klang des Flügels erreichte das Ohr fast mehr via Reflexion an der Decke als direkt, was ihn weich und verwaschen erscheinen ließ, eher legato denn wie der fast gläserne, fragile Klang historischer Instrumente.

Insgesamt führte das dazu, dass auch das Klavierkonzert über weite Strecken vom Orchester klanglich dominiert wurde (wobei allerdings Beethoven dem Klavier oft die Rolle des Begleiters zuweist). Dabei war Oliver Schnyders Spiel sehr agil, präzise und virtuos, die Zusammenarbeit mit dem ZKO perfekt (mit Ausnahme des allerletzten Takts, wo das Orchester etwas zu spät kam), und bei den „eingebauten“ Kadenzen fand ich es begeisternd, etliche Läufe und gebrochene Akkordpassagen auch mal leise, fast säuselnd ausgeführt zu hören.

Das Rondo-Thema des letzten Satzes im 6/8-Takt beginnt mit zwei gebundenen Achtelpaaren. Unter Pianisten scheint die Deutung dieser Schreibweise kontrovers: sind das nur Legatobögen, oder soll zugleich in beiden Paaren die erste Note betont werden? Viele Pianisten tendieren zu Letzterem: sie betonen auch beim zweiten Paar die erste Note, was diese gefühlt zur Synkope macht. Ich denke, Beethoven hätte in diesem Falle einen Akzent geschrieben, deshalb finde ich den zusätzlichen Akzent nicht korrekt. Oliver Schnyder schien beim ersten Auftreten des Themas eine Synkope zu spielen, allerdings war das Tempo so rasch, dass diese Unterscheidung kaum ins Gewicht fiel. Generell war im letzten Satz das Zeitmaß so schnell, dass manchmal eine detaillierte Artikulation im Solopart nur noch begrenzt möglich war: mir schien das Tempo des Rondos etwas einseitig auf das Orchester ausgerichtet.

Trotz der Kritikpunkte: es blieb kein Zweifel daran, dass beide Werke dieses Konzerts ein voller Erfolg waren und vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen wurden – ein Heimsieg für Oliver Schnyder und Roger Norrington, ein Höhepunkt der Konzertsaison!


ZÜRICH / Tonhalle: BEETHOVEN FÜNF UND DREI – Der „Sacre du Printemps“ von 1806!

Sir Roger Norrington, der Altmeister der historischen Aufführungspraxis, hat mit dem Zürcher Kammerorchester (ZKO) am 26.1.2016 in der Tonhalle Zürich ein reines Beethoven-Programm präsentiert. Und wie er es präsentierte! Beim fünften Klavierkonzert sassen die Musiker des ZKO um den offenen Flügel im Halbkreis, der Pianist mit dem Rücken zum Publikum, dem Dirigenten gegenüber, der am spitzen Ende des Flügels wie immer ohne Dirigentenstab die Geschicke des musikalischen Geschehens leitete. Fulminant wurde das Allegro maestoso des Es-Dur-Themas intoniert: Dirigent und Pianist waren sich eins: kein schweres Pathos, sondern rasende Revolution. Man sah förmlich die vorwärts marschierende Révolution (auf dem berühmten Gemälde von Delacroix), auch wie sie vermutlich ohne Verluste zu scheuen, in den Abgrund läuft. Denn so himmelsstürmend spielte der junge Schweizer Pianist Oliver Schnyder mit einer beeindruckenden Brillanz und Technik diesen 1. Satz. Umso überraschender lyrisch sich zurücklehnend der 2. Satz, aber nicht zu langsam, immer am Puls des Geschehens. Dann der äusserst originelle Übergang zum 3. Satz, wieder fabelhaft von Schnyder gemeistert. Die Zugabe mit „Elise“ setzte dieser himmelsstürmenden Interpretation ein lyrisches Kontrastück entgegen. Fabelhaft, dieser Oliver Schnyder!

Nach der Pause war dann die Sitzordnung (1. und 2. Geigen je vom Dirigenten seitlich gegenüber) wieder hergestellt. Nun setzte Sir Roger zu einer sich – wie es fast schien – aus dem Augenblick entstehenden Interpretation der „Eroica“ an. Die Tempi waren von Sir Roger den Metronom-Angaben des Meisters möglichst angenähert, also relativ schnell, was aber heutzutage so ungewohnt nicht mehr ist. Was umso mehr faszinierte, war die Lebendigkeit des Musizierens der fabelhaft aufspielenden Musiker des ZKO (Merke: 6 erste Geigen, Respekt!) und die Modernität der einfach hinreissenden Komposition Beethovens. Eine solch genialische Musik kann wohl niemals „abgespielt“ wirken. Immer wieder tun sich neue Einsichten auf, auch wenn man das Werk schon oft gehört hat. Die Dissonanzen müssen schon für damalige Zuhörer schockierend gewesen sein. Dies alles, auch lyrische Aufschwünge im Trauermarsch, gestattete sich Beethoven und mit ihm auch Sir Roger. Ein toller Beethoven-Abend, dank Oliver Schnyder und Sir Roger Norrington mit dem Zürcher Kammerorchester.

John H. Mueller (der-neue-merker.eu)


Pathos-Alarm

Sir Roger Norrington und Oliver Schnyder beim Kammerorchester

JÜRG HUBER (Neue Zürcher Zeitung, 28.1.2016)

Seit Johann Mattheson vor drei Jahrhunderten die Tonart Es-Dur mit «viel Pathetischem» in Verbindung brachte, ist diese Zuordnung nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Denn dann kam Beethoven, dann kam die «Eroica» und das 5. Klavierkonzert, beide in besagter Tonart. Mit Roger Norrington und Oliver Schnyder standen nun freilich zwei Protagonisten im Zentrum des Konzerts des Zürcher Kammerorchesters in der Tonhalle, denen kaum der Geruch des übermässig Weihevollen anhaftet.

Programmsinfonie mit Galopp

Schnyder hat sich beharrlich und ohne Brimborium eine weltumspannende Pianistenkarriere aufgebaut; Norrington muss als Altmeister der historisch informierten Aufführungspraxis niemandem mehr etwas beweisen. Er versteht Beethovens «Eroica» durch und durch als Programmsinfonie, weshalb er die Tempi konsequent aus dem Inhalt der einzelnen Sätze begründet.

Galoppierende und trabende Pferde in der Schlacht und auf der Jagd bestimmen die Sätze eins und drei. Das Finale sieht er als Tanzszene, während er den Trauermarsch überraschend «in zwei» schlägt – der Mensch habe schliesslich nur zwei Beine, nicht deren vier, so die Begründung. Gerade die Marcia funebre kommt in solch vergleichsweise schnellem Tempo, das noch über Beethovens Metronomangabe liegt, zu intensiver dramatischer Wirkung.

Mit Lust weist Norrington im Kopfsatz überdies auf die Stellen hin, wo der Galopp quer über die Bühne läuft, was als solch räumliches Erlebnis nur möglich ist, wenn sich erste und zweite Geigen wie beim Zürcher Kammerorchester gegenübersitzen. Norringtons reduzierter Dirigierstil lässt dem Orchester viel Gestaltungsraum, den es engagiert nutzt. Im Bläserchor vor der Schluss-Stretta darf es dann doch noch etwas Pathos sein, bevor die Pferde vollends Richtung Ziel durchbrennen.

Unterläuft Norrington in der «Eroica» das Erhabene mit intimer Werkkenntnis und britischem Humor, so spürt er im Klavierkonzerts op. 73 zusammen mit Oliver Schnyder den Farbenreichtum des Werkes auf. «Emperor» wird es auch genannt, was auf den «imperialen» Gestus des Konzerts hinweisen soll. Wenn Schnyder und Norrington diese Attitüde zurückstutzen, nimmt dies dem Konzert nichts von seiner Grösse, aber offenbart dessen ungeheure Vielgestaltigkeit.

Männlich und weiblich

Das beginnt in der von Schnyder mit leichter Hand gleichsam improvisatorisch gespielten Klaviereinleitung, die mit einem trockenen Akkord das Startsignal für die Orchesterexposition gibt. In Norringtons Aufstellung – der Solist mit dem Rücken zum Parkett und ihm gegenüber der Dirigent – bilden die Interpreten einen verschworenen Kreis, der indes nie hermetisch wirkt, sondern das Publikum am lebendigen Austausch teilnehmen lässt. So wob Schnyder zusammen mit dem Orchester an der dichten, doch immer durchhörbaren Textur, verlor sich bald hier in ein Zwiegespräch mit einem Instrument, gestaltete bald dort spannungsreiche Übergänge. Das liedhafte Adagio spielte er, unter subtilen harmonischen Lichtwechseln des Orchesters, elastisch und schön. Dem Rondo-Thema gewann Schnyder einiges an rhythmischer Energie ab, liess aber auch viel Zärtlichkeit zu, während das Blech das Schmettern nicht vergass.

Diesen Zugang hat offenbar bereits Ferdinand Gotthelf Hand, ein späterer Kollege Matthesons, erkannt, als er Es-Dur als die «vieldeutigste Tonart» bezeichnete. Im Gegensatz zum «weiblichen» E-Dur stufte er sie als «männlich» ein – was aber, wenn man die beiden Männer auf dem Podium so ihre Geschlechterrolle interpretieren hörte, ganz vergnüglich in den Ohren klang.

Zürich, Tonhalle, 26. Januar.


Pianist Oliver Schnyder spielte an seinem Festival in der Villa Boveri Herzensstücke

von Elisabeth Feller

Eingeladen von der Konzertveranstalterin Marina Korendfeld, geniesst Oliver Schnyder in der Villa Boveri seit Jahren Gastrecht im Januar. Drei Tage gehören dem Pianisten – und diese nutzte er am vergangenen Wochenende für Herzensanliegen: Franz Schuberts drei letzte Sonaten zählen dazu; ebenso Werke von Mozart, Mendelssohn Bartholdy, Beethoven und Daniel Behle.

Wer sich eine solch lange Wegstrecke vorstellt, muss kurz verschnaufen. Von bewältigen will man sprechen, doch das greift zu kurz. Oliver Schnyder begeht den Weg mit einer Gelassenheit, die das Publikum nie zu jener andächtigen Haltung verdammt, die lähmt. Schnyder kann man auf Schritt und Tritt folgen und dabei feststellen: So und nicht anders muss es klingen. Etwa bei Beethovens Sonate in Es-Dur op. 31/3, die Schuberts letzter Sonate in B-Dur vorangestellt ist. Natürlich spielt Schnyder mit dem motorischen Impetus der Komposition, die im Drive des unwiderstehlichen Presto con fuoco des letzten Satzes gipfelt, aber: Er spielt Beethoven auch im Hinblick auf Schubert – mit einer Nachdenklichkeit, die viele Fragen birgt. Solche kann Schnyder bei Schubert ausgiebig stellen. Immer wieder unterbrechen Pausen, zumal vor den tiefen Trillern, den Fluss der Musik. Die Stille wird beim Pianisten jedoch nicht zur Zäsur, sondern zum Innehalten, um das soeben Gehörte Revue passieren zu lassen. Setzt die Musik dann erneut ein, erweist sich Oliver Schnyder mit seiner differenzierten und farblich reichen Anschlagskunst als wunderbarer Seismograf jener Seelenbeben, die Schubert auslöst.

Hommage an Hamburg

Nur wenige Stunden danach, bei der Matinee am Sonntag, setzten Oliver Schnyder, Andreas Janke (Violine), Benjamin Nyffenegger (Violoncello) und Daniel Behle (Tenor) mit «Hamburg – Waterkant-Songs» auf ein atemberaubendes Kontrastprogramm. Jüngst hatte das Quartett in Wettingen Schuberts «Winterreise» (in Behles Bearbeitung) interpretiert – nun überraschte es in Baden mit einer Hommage an die norddeutsche Hafenstadt. Behles Idee: Zu bekannten Liedern neue Texte schreiben – alle mit Hamburg-Bezug. Aber Behle steuerte auch Eigenkompositionen bei: eine witzige Hymne auf den FC St. Pauli, Liebeshymnen an «meinen Steinway» oder eine kleine Möwe, die nach Helgoland fliegt.

Die Songs sind Petitessen, doch Kleinigkeiten sind sie keineswegs. Nicht, wenn sie mit derart umwerfendem Können serviert werden wie bei der Uraufführung. Behle spielt selbstironisch den Bilderbuch-Tenor samt extra forciert-hohem C sowie mit einer sprachlichen Eigenheit. Hamburger trennen «s-t» und «s-p». Demnach «s-tolpern» sie zwar über «s-pitze S-teine», aber nicht beim «Auf Wiedersehen», das im Norden ganz anders heisst: «In Hamburg sagt man Tschüss». Dies nach Schuberts B-Dur Sonate? Undenkbar. Tschüss nach den «Waterkant-Songs»? Gerne.

(az Aargauer Zeitung)


Ein alter Bekannter läuft zur Hochform auf

MUSIKKOLLEGIUM

Das Abonnementskonzert mit dem Schweizer Pianisten Oliver Schnyder war schlicht ein Ereignis

Oliver Schnyder ist in Winterthur eine bekannte Grösse, hat er doch mit dem Musikkollegium alle Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn-Bartholdy eingespielt. Seit 2001 tritt er hier auf, man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass das Musikkollegium den damals noch jungen, vielversprechenden Schnyder mit aufgebaut hat. Mittlerweile ist er auf dem internationalen Parkett angekommen und kann dort auch bestehen.

 Virtuose Technik

Dass er bei allem Erfolg authentisch geblieben ist, offenbarte das Konzert vom Mittwoch im Stadthaus-Saal. Schnyder spielte nicht nur Sergej Rachmaninows rhapsodische Paganini-Variationen, sondern nach der Pause auch noch die Sinfonischen Variationen für Klavier und Orchester von César Franck – eine originelle Kombination.

Das kapriziöse Paganini-Thema das Rachmaninow in seiner Rhapsodie variiert, ist eigentlich sehr kurz. Doch was er in den 24 Variationen an stilistischer Vielfalt, Farbenreichtum und rhapsodischer Kraft entfaltet, ist enorm. Und natürlich fordert Rachmaninow, der selber ein grandioser Pianist war, eine hoch virtuose Technik: weitgriffige Akkord-Kaskaden, prickelnd schnelle Pizzicato-Imitationen und ausladende Klangorgien.

Oliver Schnyder spielte die alles mit souveräner Ruhe und Übersicht. Dabei brillierte er nicht nur an den technisch heikelsten Stellen mit vollem, aber stets beherrschtem Risiko. Was diese Interpretation so begeisternd machte, war Schnyders hohe Anschlagskultur, die einen Farbenreichtum vom silbrig metalligen Glitzern bis zur innigen Kantilene entfaltete. Wie schnell und konzentriert Schnyder die stilistischen Wechsel zu amerikanisch-jazzigen Rhythmen und Klängen voll auszuspielen vermochte, war grossartig, und die Klangorgien waren nie zu süffig oder sentimental, sondern von stringenter Kraft.

Dabei blieb auch der „rhapsodische“ Dialog mit dem Orchester eng: ein stimmiges und inspiriertes Miteinander von klanglicher Transparenz und Raffinesse. Der Dirigent Alexandre Bloch war ganz in der Musik und vermittelte sehr aufmerksam zwischen Solist und Orchester, das Publikum war hingerissen und begeistert.

Die Sinfonischen Variationen des Franzosen César Franck sind weniger „reisserisch“, sie verbreiten vielmehr eine versponnene Melancholie. Hier fiel bei Schnyder nicht nur die markante Führung der linken Hand auf, sondern auch seine Fähigkeit, die Linien mit schwebendem Pedal und sanftem Anschlag ins Flächige verfliessen zu lassen, das hatte etwas Magisches.

Eingerahmt wurden diese beiden virtuosen und klangüppigen Klaviervariationswerke von luziden Orchesterstücken. Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ wurde von Bloch in aller Ruhe und mit viel Sinn für die harmonischen Raffinessen ausgebreitet. Den Abschluss machte die „mozartische“ 5. Sinfonie B-Dur von Franz Schubert, ein farblich schillerndes und lichtes Kleinod, in dem sich die stark exponierten Holzbläser innig musizierend von ihrer besten Seite zeigten. Sybille Ehrismann, Der Landbote, 8.1.2016


Oliver Schnyder beim Musikkollegium Winterthur

Virtuos, sensibel, intelligent

Zwei eigenwillige Werke für Klavier und Orchester und ein Pianist, der so virtuos wie klug gestaltet: Oliver Schnyder und das Musikkollegium Winterthur widmeten sich Rachmaninow und Franck.

von

Thomas Schacher, Neue Zürcher Zeitung, 8.1.2016

Wenn in einem sinfonischen Programm ein Pianist auftritt, spielt er nach der Ouvertüre sein Klavierkonzert und hört sich dann die anschliessende Sinfonie, das Hauptstück des Abends, an. Im Sinfoniekonzert des Musikkollegiums Winterthur wartete niemand auf die fünfte Sinfonie von Schubert. Denn das Haupterlebnis des Abends war der Auftritt von Oliver Schnyder. Der Schweizer Pianist, der längst eine internationale Karriere verfolgt, wirkte in zwei Kompositionen als Solist mit. Die Gegenüberstellung von Sergei Rachmaninows «Rhapsodie über ein Thema von Paganini» und César Francks «Sinfonischen Variationen» bot einen spannenden Vergleich. Denn bei beiden Werken handelt es sich nicht um traditionelle Klavierkonzerte, sondern um recht eigenwillige Formen.

Rachmaninows Rhapsodie verbindet in raffinierter Art die Variation mit dem dreisätzigen Klavierkonzert. Als Thema dient die Nummer 24 der «Caprices» op. 1 von Niccolò Paganini. Betreffend Virtuosität steht die Rhapsodie dem Stück des «Teufelsgeigers» in nichts nach. Für Oliver Schnyder schienen die spieltechnischen Herausforderungen kein Problem zu sein. Selbst die wildesten Passagen meisterte er mit Bravour, und er schlug bisweilen halsbrecherische Tempi an. Andererseits zeigte er in den mittleren Variationen, die an den langsamen Satz eines Klavierkonzerts erinnern, seine sensiblen Seiten. Die Kommunikation mit dem Orchester klappte vorzüglich: Schnyder passte sein Spiel dem Stellenwert des Soloparts im Gesamtgefüge an. Intelligent, sensibel, virtuos ist dieser Pianist, Starallüren sind ihm fremd.

Nach der zündenden Wiedergabe von Rachmaninows Werk fiel die Spannungskurve in Francks Sinfonischen Variationen ab, obwohl Schnyder auch hier glänzte. Die Komposition, die das Variationsprinzip mit sinfonischen Verfahren verknüpft, kommt nicht an Rachmaninows Feuerwerk heran; man hätte die Reihenfolge der Werke besser umgekehrt. Das sinfonische Rahmenprogramm begann mit Claude Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune». Der junge französische Dirigent Alexandre Bloch, der bereits zum dritten Mal beim Musikkollegium Winterthur zu Gast war, brachte den klangsinnlichen Charakter des Werks sehr schön zum Klingen. Mit dem Weichzeichner ging Bloch zum Schluss Schuberts B-Dur-Sinfonie an: Hier hätte man gern etwas mehr Konturen herausgehört.

Winterthur, Stadthaus, 6. Januar 2016


 

Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist