Oliver Schnyder Trio in „Musik&Theater“

Von einer Katastrophe zur gemeinsamen Karriere – das Oliver Schnyder Trio auf Erfolgskurs

 «Es hat gepasst…»

 Klaviertrios schiessen nicht wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden. Zu anspruchsvoll, zu problematisch ist diese 
Gattung. Umso bemerkenswerter, dass es beim Oliver Schnyder Trio – wie der Pianist lakonisch sagt – praktisch auf Anhieb 
«gepasst» hat. Vor zwei Auftritten in Ittingen und beim Arosa Musik Festival ein Rückblick auf die Anfänge des jungen Trios sowie ein Gespräch über verschiedene Aspekte der nicht unproblematischen Gattung des Klaviertrios.

 

Werner Pfister

 

M&T: Mit einem Klaviertrio verbinden viele die Vorstellung von einem sich solistisch aufspielenden Klavier und zwei eher unterlegenen Streichinstrumenten. Ist diese instrumentale Balance tatsächlich das grosse Problem?

Benjamin Nyffenegger (Violoncello): Nicht unbedingt…

Andreas Janke (Violine): Die Probleme beginnen bereits bei den beiden Streichern. Denn der Klang der Violine projiziert stärker als der Celloklang.

Benjamin Nyffenegger: Das Violoncello hat sich ja vom Continuo-Instrument in der barocken Triosonate mehr und mehr zu einem eigenständigen Instrument hochgearbeitet, und bei den Klaviertrios von Haydn haben Cellisten schon fast etwas Gleichwertiges zu spielen. Spätestens im romantischen Trio-Repertoire hat das Cello dann üppig zu tun.

Oliver Schnyder (Klavier): Zu bedenken ist auch, dass die instrumentale Balance eine subjektive Wahrnehmung ist und auch vom Konzertsaal abhängt. Was unser Trio anbelangt, habe ich das Gefühl, dass das Thema Balance eigentlich nie ein Problem war. Okay, ich habe den Luxus, mit zwei Streichern musizieren zu können, die sehr viel instrumentale Energie haben. Sowohl Andreas wie Benjamin können ihre Punkte jederzeit ausspielen. Zudem ist ihr Zusammenspiel einmalig: Das klingt oft wie ein einziges Instrument, und ich habe dann das Gefühl, sozusagen in einem Duo zu spielen.

M&T: Normalerweise sitzt ein Klaviertrio im Dreieck: Der Pianist hinten, vorne direkt neben ihm der Geiger und in der Flügelrundung gegenüber der Cellist. Gibt es ein Trio-Repertoire, für das eine andere Aufstellung geeigneter wäre?

Benjamin Nyffenegger: Eine interessante Frage. Sicher kann man sich als Streicher etwas abdrehen, damit es für das Publikum weniger frontal, sozusagen «darmsaitig» klingt. Aber grundsätzlich glaube ich nicht, dass es wie beim Orchester verschiedene, historisch gewachsene Aufstellungen gibt.

Oliver Schnyder: Allein schon wegen der Kommunikation unter den drei Instrumenten bietet sich diese Dreiecks-Aufstellung einfach an.

M&T: Wenn man die Geschichte des Klaviertrios überblickt von Haydn über Mozart, Beethoven und die Romantiker bis hin zu Ravel und Rachmaninow, gibt es Klaviertrios, die klar vom Klavier her und solche, die eher von den Streichinstrumenten her gedacht sind?

Oliver Schnyder: Es geht nicht nur um instrumentale Gewichtungen, sondern ebenso sehr um die Artikulation. Ein Beispiel: Das Es-Dur-Trio D 929 von Franz Schubert ist stark von der typischen Deklamatorik des Klaviers geprägt. Und diese müssen die Streicher imitieren. Bei Schuberts B-Dur-Trio D 898 hingegen ist es genau umgekehrt. Hier herrscht ein orchestraler Satz vor, das Klavier ist akkordisch gesetzt und gibt die harmonische Ummantelung, während die Streicher mit fast sinfonischer Gestik spielen.

Benjamin Nyffenegger: Dennoch glaube ich, dass Klaviertrios grundsätzlich vom Klavier her konzipiert wurden. Denn die meisten Trio-Komponisten waren ja Pianisten, Beethoven, Brahms, Schumann, Rachmaninow…

M&T: …und bei Komponisten, die nicht primär Pianisten waren? Zum Beispiel die vier Klaviertrios von Dvorˇák? Er war ja Streicher…

Oliver Schnyder: Das merkt man in der Tat. Hier ist der Klaviersatz sehr unangenehm.

Benjamin Nyffenegger: Interessanterweise ist Dvorˇák auch für uns Streicher unangenehm. Er war ja Bratschist, das erklärt wohl alles… (alle lachen) Aber Oliver hat schon Recht, Dvorˇák verfährt mit dem Klavier anders als beispielsweise Brahms.

Oliver Schnyder: Für mich ist Brahms eine Art von absoluter Musik, sozusagen fast unabhängig vom Instrument. Ähnlich wie bei Bach. Deswegen kann man bei Brahms nicht wirklich sagen, dass seine Kompositionen von einem bestimmten Instrument her gedacht sind. Sogar in der Wahl der Gattung war er sich oft unschlüssig: Sollte es eine Sinfonie werden, eine vierhändige Klaviersonate oder ein Instrumentalkonzert? Zudem konnte er sich oft nur schwer entscheiden, welche Stimme nun wirklich prominent sein soll.

Benjamin Nyffenegger: Ich würde sogar sagen, spätestens ab Beethoven gibt es in der Musik immer wieder Stellen, wo man eine zweite Stimme oft mehr betonen muss als die Melodiestimme.

M&T: Eine ganz andere Frage, diesmal nur die Streicher betreffend: Sie sind beide auch Mitglied eines Streichquartetts. Wie fühlt sich das Quartettspiel im Vergleich zum Klaviertrio an? Wo fliesst das Herzblut stärker?

Andreas Janke: Streichquartett und Klaviertrio sind zwei ganz verschiedene Welten, das lässt sich kaum miteinander vergleichen. Das Quartettspiel ist intimer, und es braucht sehr viel, bis man im Quartett überhaupt zusammenfindet. Im Klaviertrio hingegen kann, ja sollte man Individualist sein – was im Streichquartett wiederum gar nicht gut wäre.

Benjamin Nyffenegger: Das Klaviertrio verlangt eine offensive Art des Spielens, man ist hier quasi solistisch tätig und kann auch immer wieder einmal auftrumpfen. Zudem ist man hier viel freier. Nehme ich mir im Streichquartett ausnahmsweise die Freiheit, etwas anders zu spielen, als es vereinbart war, dann ist meistens alles im Eimer. Streichquartett ist sehr diffizil. Zudem muss man sich hier mit drei Kollegen herumschlagen statt wie im Trio nur mit zwei… (alle lachen)

Andreas Janke: Das Quartettspiel ist vor allem im Hinblick auf die Intonation viel heikler. Im Klaviertrio gibt das Klavier sozusagen den Ton an, und damit ist der Rahmen gegeben.

M&T: Wie haben Sie sich zusammengefunden? Oder anders gefragt: Wie viele Musiker mussten ausprobiert werden, bis die richtige Besetzung feststand?

Oliver Schnyder: Wir haben uns einfach mal zusammengesetzt und gespielt. Eigentlich eine lustige Geschichte – Benjamin, erzähl doch mal!

Benjamin Nyffenegger: Ich bekam eine Anfrage für das Es-Dur-Klaviertrio von Schubert. Das war ungefähr 2008 oder 2009. Da ich mit Andreas gemeinsam im Tonhalle-Orchester Zürich spiele und mit ihm sehr gut befreundet bin – wir hatten schon oft zusammen gespielt, und Schubert mit ihm zu spielen ist besonders toll –, fragte ich ihn, ob er mittun wolle. Er sagte zu. Dann war noch die Frage: welcher Pianist? Eine schwierige Frage… Ich klopfte schliesslich bei Oliver an, denn wir hatten gemeinsam mal die Cellosonate von Grieg gespielt. Auch er sagte zu. So trafen wir uns erwartungsvoll zur ersten Probe – und die war eine Katastrophe.

Oliver Schnyder: Man muss dazu sagen: Schuberts- Es-Dur-Trio ist etwas vom Schwierigsten.

Benjamin Nyffenegger: Bei der Probe spielte ich sozusagen vom Blatt…

Andreas Janke: …und wir hatten kaum eine Ahnung, wann unsere Einsätze sind, wir kannten das Stück ja kaum.

Benjamin Nyffenegger: Es war wirklich eine Katastrophe. Und das am Abend vor dem Konzert – unsere erste Probe. Irgendwann erklärte Oliver die Probe für beendet und sagte lakonisch: Den Rest machen wir mit unserem Talent.

Oliver Schnyder: Dann ging jeder nach Hause und übte die halbe Nacht …

Benjamin Nyffenegger: …und ich sagte mir: Morgen sehen wir uns zum letzten Mal. Doch das Konzert wurde überraschenderweise ganz toll.

Oliver Schnyder: Es hat alles gepasst, es gab unzählige magische Momente. Auch die Publikumsresonanz war enorm. Kurz: Es war eine Sternstunde. In diesem Moment war mir klar, wenn Andreas und Benjamin wirklich wollen, dann gründen wir ein Trio. Das war ­die Geburtsstunde des Oliver Schnyder Trios.

Andreas Janke: Obwohl wir eigentlich nicht vorhatten, ein festes Trio zu gründen.

 

M&T: Wie merkt man, dass es «passt»?

Oliver Schnyder: Das hat sehr viel mit Chemie zu tun – niemand kann etwas dafür, niemand kann es wirklich beeinflussen. Es ist wie in der Liebe: Wenn es richtig ist, merkt man es sofort.

Andreas Janke: Und wenn es nicht passt, kann man arbeiten, so viel man will – es macht letztlich keinen Sinn, weil man gegen sein Inneres, gegen sein eigenes künstlerisches Verständnis spielen müsste.

M&T: Wer ist bei euch der Chef? Wer gibt bei den Proben den Ton an?

Oliver Schnyder: Sowas gibt es bei uns überhaupt nicht. Musikalisch sind wir alle drei Alpha-Tiere, jeder auf seine Art. Niemand leitet die Probe.

Andreas Janke: Ausschlaggebend ist doch, dass jeder spürt, wann er welche Rolle einnehmen muss. Dazu braucht es nicht viele Worte.

Benjamin Nyffenegger: Andreas ist Erster Konzertmeister des Tonhalle-Orchesters Zürich sowie Professor an der Hochschule der Künste. Kaum vorstellbar, dass er nur das machen würde, was ihm die andern sagen. Und weil wir uns so gut verstehen und sozusagen dieselbe Sprache sprechen, können wir in den Proben entsprechend konzentriert arbeiten. Wenn wir ein Werk durchspielen, weiss jeder sofort, das und das wollen wir.

Andreas Janke: Es ist unbezahlbar, wenn man beim Spielen einfach spürt, wie der Partner reagiert, wie er atmet, wie er fühlt. Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, dann wird es schnell einmal schwierig.

M&T: Hat das auch damit zu tun, dass ihr beide als Orchestermusiker gewohnt seid, speziell aufeinander zu hören?

Oliver Schnyder: Darf ich diese Frage beantworten? Meiner Meinung hat das sehr viel damit zu tun. Ein Beispiel: Als wir das Klaviertrio von Dieter Ammann einstudierten, ein wunderbares, aber extrem kompliziertes Stück, spürte ich, wie fit meine beiden Kollegen sind, wie schnell sie reagieren. Manchmal zeigten sie mir sogar, wie ich an bestimmten Stellen zählen muss – die haben das mit ihrer Orchestererfahrung ganz einfach im Blut.

Benjamin Nyffenegger: Andreas hat schon ein halbes Leben lang Kammermusik gemacht, als Kind zusammen mit seinen Geschwistern, später im Studium. Zudem spielt vielleicht auch eine Grundbegabung mit, sich auf dem Konzertpodium auf jemanden einzulassen. Denn wenn es nur auf der Probe funktioniert, bringt das letztlich nichts. Der Live-Auftritt ist noch einmal etwas ganz anderes.

Oliver Schnyder: Ich würde noch weiter gehen und sagen: Es gibt immer wieder Stellen, bei denen man weiss, dass sie eigentlich nur auf dem Podium wirklich funktionieren. Stellen, die man gar nicht proben kann. Und wenn im Konzert dann die Inspiration fehlt, wird es schwierig. Natürlich sollte man auch in den Proben möglichst mit Inspiration spielen. Aber das geht nicht immer – 
irgendwann kommt man da an eine Grenze.

Benjamin Nyffenegger: Manchmal ist Inspiration sogar kontraproduktiv, gerade beim Erarbeiten eines Werks. Denn Inspiration ist letztlich etwas Metaphysisches. Sie kann nicht rational herbeigeführt werden, sondern muss sozusagen von sich aus kommen und frei fliessen. Gerade während der Proben geht es aber oft nur darum, dass eine bestimmte Stelle einfach funktioniert. Da ist dann jede Inspiration hinderlich, denn es würde nerven, wenn einer inspiriert spielt, obwohl er die Struktur noch nicht richtig kapiert hat. Wir haben mit Andreas ein riesiges Glück, weil er eigentlich wie ein Dirigent denkt, also von der Partitur her. Selbst im grössten Gewühl hat er stets den Überblick. Letztlich hilft es in den Proben sehr, wenn man sich darauf verlassen kann, dass da einer selbst Dinge wahrnimmt, die wir eventuell verpassen würden.

Oliver Schnyder: Das gibt uns zusätzliche Sicherheit und erspart uns nicht zuletzt viel Zeit. Wie Andreas mitdenkt und miterlebt, das habe ich in diesem Ausmass noch bei keinem anderen Musiker erlebt.

Andreas Janke: Mir ist gar nicht bewusst, dass das so ausgeprägt ist. Vielleicht kommt das von meiner Ausbildung her: Ich hatte einen Lehrer, der gerade darauf brutal viel Wert gelegt hat. Ich durfte keine Sonate neu einstudieren, ohne gleichzeitig den Klavierpart zu lernen, und kein Violinkonzert ohne entsprechendes Partiturstudium. Das war für mich schon im Studium eine unabdingbare Voraussetzung. Heute bin ich mit einer Dirigentin verheiratet und habe dadurch direkten Einblick in die Art und Weise, wie Dirigenten arbeiten, worauf sie Wert legen und wie sie denken. Das ist ungemein wertvoll.■

Musik&Theater – Ausgabe 2015-03/04

Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist