«Beim Musizieren ist es wie im Leben: Alleine geht es nicht»

Oliver Schnyder zeigt Franz Schuberts Klaviertrios in Bern. Wie schafft er es, das Alphatier in sich in der Gruppe zu zähmen?

Viele klassische Schweizer Pianisten träumen von einer internationalen Karriere. Sie haben es geschafft. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Wenn ich das wüsste! Ich hatte und habe einen langen Atem. Und zur ungebrochenen Leidenschaft für die Musik kommt eine genauso grosse, diese zu teilen. Vielleicht ist meine Disziplin der Grund. Oder weil ich ein Glückspilz bin.

Das sind Sie! Und ein leuchtender Stern dazu: Es muss ein tolles Gefühl sein, als erster Artiste étoile in die Annalen des Berner Symphonieorchesters einzugehen.
Die Einladung diese Saison ist eine grosse Ehre. Ich freue mich riesig auf die Berner. Und natürlich auf Dirigent Mario Venzago. Mit ihm als Chef werde ich ja nicht nur mehrmals mit dem BSO auftreten und auf England-Tournee gehen, sondern unter ihm auch beim Danish National Symphony und beim Baltimore Symphony Orchestra debütieren. Ich verspreche mir ein grosses kammermusikalisches Miteinander. Und hoffe überall auf offene Ohren.

Ihre eigene Offenheit ist ja legendär. Sie haben sich in der «Beatlothek» auf SRF 2 zum 50-Jahr-Jubiläum der Beatles als Fan geoutet. Seither ist aktenkundig, dass Sie alle Beatles-Songs auswendig kennen. Ist das die gleiche Leidenschaft, die auch für Beethoven und Schubert brennt, oder machen Sie einen Unterschied zwischen Klassik und Pop?
Ein Leben ohne Beethoven und Schubert? Unvorstellbar. Ohne Beatles? Genauso. Wir leben in einer vielfältigen Zeit. Auch musikalisch. Ich finde es nicht sinnvoll, den «Tristan» und die «Westside Story» zu vergleichen. Oder «Satisfaction» und die «Rheinische». Ist es nicht völlig egal, ob E- oder U-Musik? Gute Musik ist Musik, die berührt.

Im Meisterzyklus treten Sie nicht als Solist auf, sondern mit dem Kammermusik-Trio, das Sie 2012 gegründet haben. Ich erinnere mich, dass Sie sich in einem Interview einmal als Alphatier bezeichneten. Wo also liegt für Sie als Konzertpianist der Reiz, sich unterzuordnen?
Ich bin ja nicht der einzige Leithammel in unserem Rudel. Wir sind mindestens drei. Spass beiseite: Auch da denke ich nicht in Kategorien. Beides ist doch genial. Ein Klaviertrio von Beethoven? Herrlich. Eines seiner Klavierkonzerte? Wunderbar. Für mich ist es beim Musizieren wie im Leben: Alleine geht es nicht. Und sind es nicht Dirigenten oder Mitmusiker, die mich anfeuern oder zügeln helfen, so ist es der Komponist, der mich beflügelt oder meiner Kreativwut Einhalt gebietet.

Wenn man sich in einem Trio bindet, ist das ebenso bedeutungsvoll, wie wenn man heiratet. Gefühl und Verstand sollten bei der Wahl mitspielen. Wieso funktioniert Ihre Dreiecksbeziehung im Trio?
Niemand von uns dreien hatte je die ­Absicht, eine solche Ménage-à-trois zu gründen. Und dann kam dieser schicksalshafte Tag, als man uns gemeinsam auf die Bühne losliess. Andreas und Benjamin sind derart fantastisch zusammen, dass sie wie ein Instrument klingen können. So werden wir drei fast zum Duo. Hinzu kommt, dass uns eine echte Freundschaft verbindet und bei musikalischen Unstimmigkeiten immer einer nachgeben mag. Unser Schubert-Spiel hat sich seit den CD-Aufnahmen weiterentwickelt. Wir wissen heute noch besser, wohin wir damit gehen möchten und können.

(Marianne Mühlemann, DerBund.ch/Newsnet)

Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist