Die Weltwoche

MvH trifft…Oliver Schnyder

Die Weltwoche, 25. April 2013

Mark van Huisseling

Was macht einer der besten Schweizer Pianisten den ganzen Tag? Und weshalb eigentlich?

«Es braucht eine gewisse Überheblichkeit»: Konzertpianist Schnyder, 39.

An einem Morgen im April kündete die ­Moderatorin auf SRF 2 Kultur, dem Radio­sender, den ich werktags zwischen 7.00 und 7.45 Uhr höre, Oliver Schnyder an, ­«einen der namhaftesten Schweizer Pianisten der Gegenwart» (der 39-Jährige hat etwa in New York und Baltimore studiert, spielte mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman oder dem WDR-Sinfonieorchester Köln). Man könnte ein­wenden, wie Tilda Swinton es machte, als ich ihr sagte, sie werde als Underground-Superstar beschrieben, das sei wie «Riesencrevette» – auch die grösste sei noch ziemlich klein. Doch mir macht es Eindruck, wenn einer Begabung hat und sich für ein Künstlerleben entscheidet. Das Gespräch, das folgt, fand statt im Restaurant «Bärengasse» in Zürich (wir waren Gäste des Geschäftsführer, mit dem ich bekannt bin).

«Wie sieht Ihr Tag aus?» – «Wenn ich von zu Hause aus agiere – und das ist mein Grund­aggregatzustand, ich habe mein Studio im Haus, mit den beiden Flügeln drin –, ver­bringe ich fünf, sechs Stunden am Tag am Instrument, schaffe am Repertoire. Ungefähr gleich viel Zeit verbringe ich am Computer. Auch wenn man ein Management hat, muss man sich um sehr vieles kümmern und sehr vieles entscheiden.» – «Wovon leben Sie?» – «Jetzt kann ich gut leben von der Musik, das war nicht immer so. Aber ich musste nie den Entscheid fällen, Pianist zu werden, ich war es immer schon. Sie haben sicher auch schon als Kind geschrieben . . .» – «Tatsächlich. Sind Sie Angestellter des Zürcher Tonhalle-Orchesters?» – «Nein, ich bin völlig freischaffend. Als Pianist kann man keinen fixen Job haben.» – «Auch nicht als Solist; ist doch eine wichtige Stelle, wenn Sie sagen: ‹Ich komme übrigens nicht heute Abend . . .›» – «Die Frage ist berechtigt. Sänger zum Beispiel haben einen Vertrag über eine Spieldauer. Bei uns ist es so, wir haben ­einen Vertrag, mit einem verhandelbaren Honorar, und der gilt für ein Konzert.»

«Gratuliere zur neuen CD [Oliver Schnyder Trio, Schubert, «Die Klaviertrios»], wie viele Leute werden diese hören?» – «Ich habe keine Ahnung. Mit Kammermusik bei einem Major-Label – ich mache ja alles bei Sony – reinzukommen, ist nicht selbstverständlich, weil Kammermusik verkauft sich wirklich nicht gross. Aber trotzdem, diese CD wird auf der ganzen Welt vertrieben, das sind schon ein paar tausend Stück.» – «Was ist der Antrieb, Stücke, die meistens schon von anderen, oft Musikgiganten, aufgenommen wurden, neu aufzunehmen, dafür jahrelang zu arbeiten und dann ein paar tausend Leute zu erreichen?» – «Ein ideeller Wert, wie ein Familienalbum; eine CD ist die einzige Möglichkeit für einen Musiker, eine Momentaufnahme zu ­machen. Und der wichtigste Nebeneffekt ist die Konzertakquisition. Wegen der Giganten: Man bewundert diese, aber wir haben bei solchen studiert, quasi die Atemluft mit ihnen geteilt . . . Es braucht eine gewisse Überheblichkeit, aber zu dem, was ich aufnehme, bin ich überzeugt, etwas Gültiges sagen zu können.»

«Ich stelle mir vor, es gibt wenig Zuhörer, die beurteilen können, was Sie machen.» – «Wenn einer sagt, es habe ihn berührt oder bewegt, was ich spiele, dann ist das der grösste Lohn für mich. Ich brauche niemanden, der mir zeigt, dass er etwas über Musiktheorie weiss.» – «Im Landboten stand über einen Auftritt von Ihnen: ‹Das Finger-Legato des Zürcher Pianisten ­Oliver Schnyder und seine wohldurchdachte, feine Agogik, aber auch ­seine perlig-frischen Läufe begeisterten das Publikum.› Versteht die Autorin das?» – «Wie wirkt es auf Sie?» – «Ich überlege mir, weshalb jemand, der entweder so viel weiss oder so gut bluffen kann, beim Landboten in Winterthur gelandet ist.» – «Wer hat’s geschrieben? Sibylle Ehrismann? Die kenne ich, das ist eine Musikwissenschaftlerin.» – «Was heisst ‹Agogik›?» – «Das ist ein musikalischer Begriff, von dem man nicht genau sagen kann, was er heisst, fast wie ‹Abseits› im Fussball. Was ich lustig finde: dass sie ‹Zürcher ­Pianist› schreibt. Ich lebe im Aargau und sie auch.» – «Sind Konzertkritiken wichtig für Sie?» – «Ich habe kein Argus-Abo. Und weiss nicht, wie repräsentativ Kritiken sind, ob das die Leute noch lesen. Ich hoffe aber, dass sie überleben, es ist eine Form von Wertschätzung von gesellschaftlicher Seite; lieber einen Verriss als Ignoranz.»

«Wer ist der beste Pianist aller Zeiten?» – «Der wichtigste: Franz Liszt vielleicht, man kann ihn halt nicht hören. Und der beste ist Rachmaninow. Oder der Rubinstein.» – «Welche Aufnahme muss man haben?» – «Chopins Klavierkonzerte von Krystian Zimerman mit dem Polish Festival Orchestra; ‹Rubber Soul› von den Beatles und ‹Sacred Love› von Sting.»

Sein liebstes Restaurant: «Sala of Tokyo», ­Limmatstrasse 29, Zürich, Telefon 044 271 52 90, und «Jägerhuus», Weidweg 4, Hertenstein, Telefon 056 282 36 46 («fürs beste Fleisch»)

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