Rezensionen 2013

Viel Haydn, Kraus und ein Höllenritt
Von Beat Glur, „Der Bund“ – 12. November 2013

Grossartige Saisoneröffnung: die Camerata Bern und der Pianist Oliver Schnyder im Zentrum Paul Klee.

Man nennt ihn «Odenwälder Mozart», oder «schwedischen Mozart». Aber Joseph Martin Kraus ist dem Wunderkind nie begegnet. Er weist einfach fast die gleichen, kurzen Lebensdaten auf wie der Salzburger Meister. Aber, wiewohl er ein ansehnliches Œuvre hinterliess, enthalten auch Fachlexika kaum mehr als einen kurzen Hinweis auf den Mozart-Zeitgenossen, der seine ganzen Schaffensjahre in Stockholm am Hof des schwedischen Königs verbrachte. Ähnlich wie sein Namensvetter Joseph Haydn, der während fast seiner ganzen Schaffenszeit am Hof der Fürsten Esterhazy lebte. Haydn und Kraus hingegen sind sich begegnet. Haydn nannte Kraus «eines der grössten Genies, das ich gekannt habe.»
Naheliegend also, dass die Camerata Bern ihr erstes Konzert der Saison, das im Rahmen des fünfjährigen Haydn-Zyklus stattfindet, mit einer Kraus-Symphonie eröffnet. Das Werk ist – frisch und draufgängerisch, die Streicher ergänzt mit hellen Flöten- und Hornklängen – mit der wenig früher komponierten Haydn-Symphonie Nr. 52 in c-Moll, die den Abschluss des Camerata-Konzerts bildet, in Anlage und Form, aber auch in der Konsequenz der Durchführung durchaus vergleichbar.

Starsolist ohne Starallüren
Im Mittelpunkt des Konzerts im Zentrum Paul Klee stand – auch im Programmablauf – der Schweizer Pianist Oliver Schnyder. Er ist nicht einfach, wie sonst so oft, der Starsolist, der vor der Pause mit einem effektvollen Solistenpart glänzt; er ist quasi Teil des Orchesters. Haydns Klavierkonzert in F-Dur von 1764 spielt er in völliger Einheit mit den Streichern ruhig, verhalten, konzentriert. Einzig in den beiden Kadenzen, geschrieben von seinem Namensvetter und Freund, dem Saxofonisten Daniel Schnyder, erlaubt er sich schnelle Läufe über die ganze Breite der Tastatur.
Nach der Pause kehrt Schnyder zurück, mit Franz Liszts «Malédiction» für Klavier und Streicher, einem «Höllenritt», wie er es nennt. Jetzt dominiert das Klavier, jetzt geht es um Virtuosität und Pathos, um Tempo und Effekt. Ganz anders Schnyder: Was für ein Vergnügen, einem Pianisten zuzuschauen, der einfach nur Musik macht! Kein Gehabe, keine Mätzchen, keine Allüren. Dafür konzentriertes, unaufgeregtes Spielen. Und einem Orchester, das zum Besten gehört, was die Kulturstadt Bern zu bieten hat. Ein kurzer Blick von Camerata-Leiter Erich Höbarth genügt: Die Musiker und Musikerinnen folgen ihm mit hoher Präzision, wie selbstverständlich, und vor allem: mit einer Spielfreude, die sich direkt aufs Publikum überträgt.


Klassische Musik ohne Konventionen
Die neue Klavier-Reihe Piano District in der Badener Druckerei ist am Freitagabend fulminant gestartet
VON ANDREAS RUF

Neue Klassik-Reihen gibt es immer wieder. Neu im Sinne von originell oder anders sind sie leider selten. Das Gegenteil davon war beim ersten Konzert der vierteiligen Reihe Piano District
in der Badener Druckerei zu erleben: Sie ist neu – und sie ist originell. Anstelle von Papierrollen und stampfenden Druckmaschinen standen am Freitagabend zwei Steinway-Flügel dicht an dicht im Saal. Dass die ehemalige «Badener Tagblatt»-Druckerei zu einem äusserst schmucken
Kulturlokal mit Galerie umfunktioniert wurde, ist das eine; dass diese auch eine ausgezeichnete Akustik besitzt, das überraschend andere.

Ganz nah bei den Künstlern
Nach nur einem Jahr Vorbereitung stand Thomas Pfiffner am Freitagabend vor 240 Zuhörern und damit vor einem ausverkauften Haus. Zusammen mit dem international erfolgreichen
Aargauer Pianisten Oliver Schnyder und Vera Frey ist Pfiffner der Macher der Reihe. Sein erklärtes Ziel: «Wir wollen Nähe schaffen. » Leere Worte waren das nicht. Man habe überlegt, was im Angebot der Aargauer Kulturlandschaft fehlte, so Pfiffner. Und kam zum Schluss: Eine Klavierreihe, die in ungezwungenem Rahmen stattfindet. Tatsächlich ist Piano District momentan die einzige Klavierreihe im Aargau. Die Serie schafft einen Ort, wo fernab starrer
Konventionen klassische Live-Musik gehört werden kann. Und zwar auf höchstem musikalischem Niveau.
Die gewünschte Nähe war ab der ersten Sekunde da: Mit dezenter Beleuchtung, einer Weinbar präsentierte sich die Druckerei. Und auch während des Konzerts blieb immer Platz für ein musikalisches Witzchen oder für spontanen Applaus zwischen zwei Sätzen.
Dass bei aller Lässigkeit die Intensität der Musik nicht auf der Strecke blieb, war den beiden Ausnahmepianisten zu verdanken. Zusammen mit der 31-jährigen Lettin Arta Arnicane kreierte Schnyder Momente höchster musikalischer Leuchtkraft. Etwa in Rachmaninows «Suite für zwei Klaviere Nr. 2 op. 17», besonders der dritte Satz, Romanze, war ein solcher Moment. Eindringlich flossen die Klangbilder, wallten Arnicane und Schnyder durch die dicht-melancholischen Melodien im Andantino. Die Richtung gaben die beiden schon zu Beginn des Konzerts mit Mozarts «Sonate D-Dur für zwei Klaviere» vor. Wunderbar, wie das Publikum
in die Leichtigkeit des Seins, in die mozartsche Musiksalon-Stimmung zurückkatapultiert wurde. Federleicht, virtuos, stets ergänzend, auffangend, weiterspinnend. Und vor allem wurde mit dem Programm die ganze Palette musikalischer Gestaltungsmöglichkeiten gezeigt, die ein
Klavier bietet. Exemplarisch für die Stimmung des gesamten Abends stand die Komposition
von Greg Andersons «Ragtime alla Turca». Der junge Komponist hat Mozarts «Rondo alla Turca»
zu einem frischen, manchmal lärmigen Stück mit halsbrecherischen Takt- und Tempiwechseln gemacht.
Die augenzwinkernde Adaption voller Humor und ironischer Spitzen entsprach exakt der Atmosphäre in der Druckerei. Da verwunderte auch nicht, dass Oliver Schnyder beim komplett überdrehten Finale um ein Haar rückwärts von seinem Stuhl gefallen wäre. Stürmisch wie
das Ende war schliesslich auch der Applaus.

Gelöste Plauderrunde danach
Nach dem Konzert war es der Autor Alain Claude Sulzer, der den beiden Pianisten persönliche und humoristische Fragen stellte, begleitet von heiteren Zwischenrufen aus dem Publikum.
Sulzer zeigte mit seinem Fragebogen auf charmante Weise die Menschen hinter den beiden Künstlern. Wie gelöst die Stimmung dabei war, zeigte die Tatsache, dass es ein älterer Herr bei der Frage zu Lang Lang plötzlich nicht mehr auf seinem Stuhl aushielt, schnurstracks auf Sulzer zumarschierte und das Mikrofon an sich riss, um seine Meinung auch noch kundzutun.
Mit Jazz des Badener Trios Gregor Loepfe schliesslich klang ein äusserst erfrischender Abend aus. Das Pulver ist mit diesem ersten Feuerwerk noch nicht verschossen. Denn mit Christian Zacharias wird im nächsten Januar einer der ganz Grossen den Piano District beehren. Man darf
sich vorbehaltlos freuen.


Klaus Plaar in der Zofinger Zeitung vom 20.8.2013 mit einer Kritik zum Hirzenberg-Festival: „Eine sensationelle Uraufführung am Festival“


Das Oliver Schnyder Klaviertrio ist Artiste in Residence am Hirzenbergfestival Zofingen und begeisterte zur Eröffnung. Heute Abend spielt man noch einmal – zusammen mit zwei Klassikstars. von Christian Berzins
Es ist nicht alles Oper, was diese Tage openair klingt. Das Hirzenberg Festival in Zofingen zeigt, dass melancholische Franz-Schubert-Trios (mit etwas elektronischer Unterstützung) ein breites Freiluft-Publikum anziehen können. Ja, das Hirzenberg-Programm 2013 kann es locker mit drei «Aïdas» aufnehmen. Die Festivaleröffnung am Donnerstag zeugte von einer Intensität, die im Publikum für eine erstaunliche Ruhe und Aufmerksamkeit führte, von der man anderswo nur träumen kann.
Ins Träumen geraten kann manch einer im Garten der Villa Hirzenberg, in diesem Zauberrund, wo alte Bäume still auf einsame Mauern schauen, wo das Feuer der Fackeln von dunklen Geheimnissen erzählt – kurz: Wo die Musik an einem schönen Augustabend prächtig blühen kann.
Kuratiert ist das dreitägige Festival von Komponist Dieter Ammann, gelenkt von seiner Frau Yolanda Senn. Die Ausgabe 2013 ist dank der Verpflichtung des neu gebildeten Oliver Schnyder Trios als Artiste in Residence musikalisch und programmatisch besonders dicht: Der Pianist Schnyder, der Geiger Andreas Janke und der Cellist Benjamin Nyffenegger haben bereits auf CD demonstriert, wie gut sie harmonieren. Nun präsentierten sie ihre Kunst erstmals im Aargau.
Tanzen, ohne zu lachen
Mit prallem Ton, strotzend vor freudiger Kraft stimmte Cellist Nyffenegger das Dumky-Trio von Antonin Dvorák an, mit einer aschfahlen Phrase antwortete ihm Geiger Janke, vermittelnd griff Schnyder in diesen Disput ein – und alsbald tanzte man zu dritt freudig daher, allerdings ohne zu lachen. Will heissen: Das Trio traf Dvoráks Intentionen. Jede Facette dieses unheimlichen Werks, das bald stottert, bald beinahe stillsteht, wurde beleuchtet. Und wer bei Dvorák die gesangliche Linie so feinfühlig halten kann, der ist für Schuberts opus magnum, das Es-Dur-Trio op. 100, bestens gerüstet.
Nichts wurde überzeichnet um des simplen Ausdrucks willen. Das wurde selbst im so vielfach zitierten zweiten Satz deutlich, wo Schnyder klar den lyrischen Weg zeigte, zart zwar, aber nie romantisierend. Dem Finalsatz schenkten die drei Musiker eine wundersame Leichtigkeit, ein schlummernder Schleier setzte sich wie von Zauberhand geworfen über das heitere Spiel.
Bei aller kameradschaftlichen Vertrautheit der drei: Die individuelle Klasse jedes einzelnen ist der Grundstein dieses Trio-Erfolges. Benjamin Nyffenegger blüht in diesem Ensemble geradezu auf, pariert den freudigen Überschwang aber mit einer coolen Zurückhaltung. Er weiss auf Andreas Jankes feinnervige Zaubereien zu reagieren, benutzt sein Vibrato kühn als Intensivierungsmittel: Nyffeneggers Celloton wird damit mächtiger, gewiss, bisweilen opernhaft dramatisch, aber nie auch nur eine Spur zu süss. Jankes Spiel ist durchdrungen von einer Intelligenz in der Phrasierung. Und wenn dieser Geiger im feinsten Piano entschwebt, legt er in alle Rationalität eine sanfte Träne ein. Pianist und Leader Oliver Schnyder ist der ideale Mittelsmann der zwei Streicher.
Keine Zugabenheuler
Mit «Ständchen» war der Abend überschrieben. Und so spielte man denn als Zugabe eine Bearbeitung des gleichnamigen, berühmt-berüchtigten Schubert-Liedes. Erneut erfreute bei beiden Streichern ein belebt inniger Ton, der nie überzuckert klang. Und so war der vermeintliche Zugabenheuler ein inniger Ausklang eines grossen Kammermusikabends.
Heute gesellen sich die weltberühmte Geigerin Vilde Frang und der grosse Bratschist Nils Mönkemeyer zum phänomenalen Trio. Wer bei der Hausherrin Christine Siegfried oder den Festivalmachern bettelt, wird vielleicht noch eine Karte erhalten und in den Garten der (Klang-)Träume eintauchen können.
Nebenbei: Für Essen und Trinken ist in Zofingen so gut gesorgt, dass Opern-Open-Air-Freunde davon nur träumen können.
(Die Nordwestschweiz, 17.8.2013)


Pianist Oliver Schnyder und Geiger Andreas Janke brillieren mit einem wildverspielten Programm mit den Chaarts in Möriken, Boswil und Zürich. von Christian Berzins

Mordende Könige und eitle Königinnen, den Falschen liebenden Prinzessinnen und tumbe Prinzen kennen wir von der Oper und vom Ballett zur Genüge. Im Konzertsaal soll es abstrakter zu und her gehen, da herrscht intellektuelle Sachlichkeit vor. Doch von solch alten Sitten lassen sich die Chaarts, die schweizweit agierende Aargauer Kammermusikformation, nicht lenken. Unter der Leitung von Andreas Fleck präsentiert man wildverspielte Programme, in den letzten drei Zyklen blaublütige Helden – mit einem Augenzwinkern: Zur Barockqueen gesellte sich Musik von Queen oder zur Geigenprinzessin Klänge von Popstar Prinz.

Kurzfristiger Einspringer

So hätte es jedenfalls im letzten, an diesem Wochenende in Zürich, Möriken und Boswil präsentierten Zyklus sein sollen, wären da nicht nacheinander gleich zwei Thronanwärterinnen krank geworden. Doch wo eine Prinzessin ausfällt, war ein Prinz zur Stelle: Andreas Janke heisst er, ist Konzertmeister im Tonhalle-Orchester Zürich und war bereit, nicht nur als Tuttist bei den Chaarts mitzuwirken, sondern auch gleich zwei Solopartien zu spielen: Das Adagio und Rondo Concertante F-Dur D 487 von Franz Schubert sowie Felix Mendelssohns «Konzert für Violine und Klavier».

Famos, welche Sicherheit dieser jungenhafte Geiger mit klarster Tongebung demonstriert. Kein Ton ist da überzuckert oder zu elegisch, sondern gestützt auf ein schnelles Vibrato erschafft Janke eine ungeheure Stabilität, die durchaus die auftrumpfende Geste zulässt, aber auch die Ruhe. Immer ist da Kraft für langsame Bogengeschwindigkeit.

Und ob dieses Solo-Zaubers – vor allem bei Mendelssohn! – konnte man fast vergessen, dass da im Hintergrund Pianist Oliver Schnyder klug die Fäden zog, die Brücken zu den wachen Chaarts schlug. Wohl auch dank ihm fügte sich Janke so gut ein ins Ensemble, haben die zwei doch, verstärkt von Cellist Benjamin Nyffenegger, eben eine prächtige Schubert-CD veröffentlicht.

Doch waren diese zwei Werke der Mittelpunkt des Abends? Chaarts-Konzerte pulverisieren solche Einschätzungen: Der bunte Reigen aus Liedern des Pop-Künstlers Prince war ungewohnt, aber wurde nicht minder eindrücklich überschwänglich dargeboten. Als ein famos beschwingter Konzertauftakt erwies sich aber auch das erste der drei Salzburger Divertimenti von W. A. Mozart: KV 136 erklang draufgängerisch frech und so durchsichtig, dass man jeder Stimme nachhören konnte. Wie fern das doch jenem Klang ist, der da noch auf alten LPs lagert.


Mit „Années de Pèlerinage“ von Franz Liszt unterstrich Oliver Schnyder im grossen Saal der Bromer Art Collection seine Reputation als Pianist von Weltrang. Sein Spiel nahm die grosse Dimension der musikalischen Bilderinstallation von Ragnar Kjartansson auf und wurde zur ergreifenden Auseinandersetzung mit Liszts Schweizer Eindrücken.

Ganzer Artikel als PDF-Dokument „Liszt im Spiegel der bildenden Kunst“


Mit Ausdruckskraft und Präzision

Klassik – Zum Saisonende und zum Abschluss des Jubiläumsjahrs spielte das Aargauer Symphonie Orchester, das sich jetzt Argovia Philharmonic nennt, drei Kompositionen über Abschied und Vergänglichkeit

Von Walter Labhart

Als Auftakt des vom Chefdirigenten Douglas Bostock mit gewohnter Sorgfalt einstudierten Schlusskonzerts erklang am Samstag in der Badener Trafo-Halle mit Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ ein Kuriosum mit vielschichtigem Hintergrund. Mit diesem „Rondo brillant“ für Klavier hatte sich der deutsche Frühromantiker von der absoluten Musik verabschiedet, indem er ihr ein Programm unterlegte.

Mit federndem Schwung

Die titelgebende Aufforderung zum Tanz und der Abschied eines Paares von der Tanzfläche bilden den Rahmen einer Walzerkette, die der Argovia Philharmonic beste Gelegenheit gab, in der von Hector Berlioz zum Zweck einer Balletteinlage orchestrierten Komposition mit federndem Schwung zu glänzen. Der Solo-Violoncellist Martin Merker trug seinen Part gemäss der Partiturvorschrift ohne jegliches Espressivo vor, womit er die Distanz zur orchestralen Glut bewusst vergrösserte.

Mehr Ausdruck, mancherorts so viel wie möglich, konnte sich der Pianist Oliver Schnyder in der Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergej Rachmaninow leisten.

Wie er von den flüchtigen Marcato-Tupfern in der Vorstellung des Themas über die lyrische Klangpracht der 18. Variation bis zu den stürmisch niederprasselnden Schlussakkorden in weiten Bögen unterschiedliche Spannungsgrade erzielte, beeindruckte ebenso wie seine Virtuosität. Dass eine Standing Ovation ausblieb, war wohl dem bewegungshemmenden Regenwetter zuzuschreiben.

Abwechslungsreiche Soli

Umso mehr Elan brachte der Pianist in den abwechslungsreichen Soli auf. Nach der Einführung des „Dies irae“-Themas – es entstammt der lateinischen Totenmesse und gilt als Symbol für die Vergänglichkeit – brillierte er in trillerartigen Akkordrekpetitionen und mit bravourös gemeisterten weiten Sprüngen.

Als Zugabe bot Oliver Schnyder eine wunderbar poesievolle Interpretation der Szene „Au lac de Wallenstadt“ aus Liszts „Années de pèlerinage“. Mit der 1934 in Hertenstein am Vierwaldstättersee komponierten Rhapsodie op. 43 hatte sich Rachmaninow, als er das Werk unter Ernest Ansermet 1939 in Luzern spielte, für immer von Europa verabschiedet.

Grimmige Karikatur

In der autobiografischen „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz erscheint die „Dies irae“-Sequenz als grimmige Karikatur inmitten des Traums eines lärmigen Hexenreigens.

Die von Douglas Bostock zu straff kontrollierten Klangorgien verführte Argovia Philharmonic begeisterte mit einer überwältigenden Darstellung unter effektvollem Fernklang-Einbezug zweier Glocken. Dem von Berlioz radikal vollzogenen Abschied vom klassischen Schönklang zugunsten von spontanen romantischen Gefühlsäusserungen blieb das Orchester nichts an Ausdruckskraft und Präzision schuldig.


Artikel aus der Zürichsee-Zeitung vom 8.4.2013 (Sibylle Ehrismann)

Mit glühender Verehrung für die Musik dirigiert

Der junge Dirigent Francesco Angelico aus Italien gab am Freitag sein Debüt mit dem Tonhalle-Orchester. Sein temperamentvolles und feinfühliges Programm überzeugte.

Die Konzertreihe „Klassik hat Zukunft“ des Tonhalle-Orchesters ist eine gute Sache. Sie ermöglicht interessanten Nachwuchskräften, mit einem hochkarätigen Klangkörper zu musizieren und das erst noch in der akustisch hervorragenden Tonhalle.

Francesco Angelico, 1977 in Italien geboren, war Assistent von Girogio Bernasconi in einer Konzertreihe für Neue Musik beim Radio Lugano und gewann 2011 den Deutschen Dirigentenpreis. Seinen ersten Chefposten wird er nächste Saison beim Tiroler Sinfonieorchester antreten, wo er am Landestheater Innsbruck jeweils auch zwei Opern-Neueinstudierungen übernehmen wird. Diese Saison gibt er zudem seinen Einstand an der Bayerischen Staatsoper.

Ein neugieriger Dirigent

Auch wenn es nach Klischee klingt, dieser junge Italiener hat eine grosse Affinität zum Gesang. Mit der Wahl von Luigi Dallapiccolas „Variazioni per orchestra“ offenbarte Angelico zudem seine musikalische Neugierde, seine Offenheit für die Moderne und seinen Sinn für Klangpoesie. Denn Dallapiccolas Orchestervariationen sind aphorisch kurz und hoch expressiv, sie fordern höchste Aufmerkamkeit. Francesco Angelico formulierte diese wunderbar aus; das Orchester ging innig mit.

Danach folgte Mozarts eher schlichtes Klavierkonzert d-Moll KV 466. Der Zürcher Pianist Oliver Schnyder setzte das kleingliedrige, die Oktave ausmessende Thema mit zartem Anschlag an, die Poesie war vom ersten Ton an da. Zu dieser anrührenden Schlichtheit setzte das Orchester eine intensive Gegenstimme, Solist und Orchester atmeten überhaus musikalisch zusammen. Schnyders Finger-Legato und seine wohldurchdachte, feine Agogik, aber auch seine perlig-frischen Läufe begeisterten das Publikum.

Die „Italienische“ Sinfonie von Mendelssohn, die nach der Pause gespielt wurde, passte gut in dieses Programm. Angelico ging sie temperamentvoll an, weshalb das Tonhalle-Orchester eher laut wirkte, doch waren auch hier die nuancierten Farbwerte und die weitatmig ausgesungenen Phrasierungsbogen charakteristisch. Dieser junge Italiener glüht für die Musik, und er bringt eine natürlich beredte Gestik mit – er wird seinen Weg machen.


Daniel Behle und Oliver Schnyder im Münchner Prinzregententheater:
Münchner Merkur, 4. Februar 2013

Weltklasse
Was der junge deutsche Tenor am Samstag bei seinem Liederabend im Münchner Prinzregententheater zusammen mit dem Pianisten Oliver Schnyder bot, war Weltklasse: ein legendäres Konzert…Wie schade, dass dieser grandiose Liederabend in München nicht vor einem restlos ausverkauften Theatersaal stattfand – Daniel Behle hätte es mehr als verdient gehabt.“ ANITA SVACH


Offizielle Site von Oliver Schnyder, Pianist